Zehn Tage am weißen Stein – Mein TDS® 2015

TDS LogoWieder sitze ich im Flieger, und es geht zurück. Zurück nach Hause. Ins heimische Trailgebiet. Die Tage verflogen, wie im Rausch. Ich habe es geschafft. Die große Herausforderung bestanden. Bin über 120 Kilometer in einem der harten Rennen des Ultratrails gelaufen, bin über 7000 Höhenmeter hinauf und die gleiche Distanz wieder hinunter geklettert, gewandert, marschiert auch gelaufen. Es war gigantisch.

Die Tage vor dem Rennen waren der Erholung verschrieben. Erholung in Sachen aktivem Laufen, nicht aber Bewegungsuntätigkeit. Wir unternehmen bei anfangs herrlichem Wetter einige wunderschöne Touren, genossen die Weitblicke auf die Gebirgszüge L´Arveauf- und L´Arveabwärts.

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Bosson Gletscher vom Chalet de Pyramides (1895m)

Am Montag dann sollte es ganztätig sonnenlos und nieslelig werden. Daraus wurde nichts. Unser Aufstieg auf den Bosson-Gletscher ein Traum.

Nach dem mich meine ausgleichende Hälfte allein lassen musste, irgendjemand muss ja die Laufreisen verdienen 😉 stand für mich ein wenig „Arbeit“ an. Die Pflichtausrüstung musste sortiert und nach vermutetem Gebrauch in 12 Litern Fassungsvermögen verstaut, ein Dropbag musste gepackt werden und die Abholung der Startnummer incl. Ausrüstungscheck sollten an diesem Tag zu den Wichtigkeiten zählen. Und die Zeit war knapp bemessen.

Gerade rechtzeitig reiste ich mit dem Bus zum Sportcentrum, um mich in die lange Reihe der wartenden einzureihen. Es war 13 Uhr, die Türen hatten sich gerade geöffnet … Das Schlange stehen an der Sagrada Familia in BCN vergeht schneller.

Alles raus, was unten eingepackt wurde !

Alles raus, was unten eingepackt wurde !

Nach einer guten Stunde hatte ich den finalen Innenraum erreicht, meinen Ausweis gezeigt und das Blatt mit der zu präsentierenden Pflichtausrüstung in den Händen. In diesem Jahr musste ich das unterste nach oben kehren. So viele unterschiedliche Zwangslümpchen waren vorzuweisen. Alles verlief nach Plan. Was anderes hatte ich auch nicht erwartet. Ich erhielt den Stempel, Startnummer, Dropbagbeutel und schwups war ich nach kapp 1:45 Stunden wieder Herr meiner Freizeitgestaltung. Auch hier setzt der UTMB Maßstäbe. Eine vernünftigen Ausrüstungskontrolle dauert nun mal seine Zeit und doch hätte ich die ein- oder andere Jacke, Hose, Regenjacke nicht zugelassen. Es gibt auch hier immer noch Läufer, die es noch nicht ganz verstanden haben, was technisch schwieriges Laufen im Hochgebirge eine Nacht hindurch, für die Mehrzahl, bedeutet. Doch ich bin hier kein Richter. Doch gefährden kann man dadurch auch andere.

Ein wenig Stress kam dann doch noch auf, als ich merkte, dass ich meine Busticketanmeldung zwar zuhause ausgedruckt, sogar nach Frankreich mitgenommen, nicht aber nicht mit zur Startnummernausgabe geschleppt hatte. Die Rückreise ins Chalet konnte ich durch eine beschriebene, ewige Hin- und Rückreise abwenden. Ich erhielt den begehrten gelben Zettel, der mich zum Einsteigen berechtigte. Zur Beruhigung. Am Reisetag interessiert es keinen Menschen, ob sich der bepackte Ritter mit zwei Starterbeuteln einschleichen will. Also Wurst. Trotzdem ist es natürlich völlig sinnvoll mit dieser Voranmeldung. Allein aus Richtung Les Houches habe ich 3 große Busse mit Läufern gesehen.

Finales Häufchenbilden

Wieder in meiner Bleibe zurück, ich war gut 4 Stunden unterwegs, wurde die 12-Liter-Bärbel noch einmal neu gepackt. Der Dropbagbeutel optimiert und die Henkersmahlzeit vorbereitet. Besonders beim Dropbag war ich mir nicht ganz sicher, was ich wirklich brauchen würde. Außer ein paar Wechselsocken, Leckereien und einem neuen Paar Schuhe war der Rest, da erstmalig, reine Intuition. Erst einmal verfuhr ich nach dem Motto. Da ich es nicht tragen musste lieber zu viel als zu wenig. Auch war ich mir nicht sicher, wie lange ich wirklich bis zum Erreichen der 64 km Marke benötigen würde. Die Cutoff-Zeit von 18 Stunden erschien mit dort sehr reichlich bemessen. Ich rechnete mit 12-13 Stunden. Was Mann sich so denkt, in Unkenntnis von Streckenbeschaffenheit und meinem eigenen Zustand nach 8500 hm (Up- und Downhill) bei grilligem Wetter. Am Ende des Tages hat es ganz gut gepasst.

Wenn morgens um 3:01 Uhr der Wecker klingelt, ist raceday. Ultraraceday.

Zur Sicherheit hatte ich mich noch einmal von meinem Chef Bodencrew (Remote dieses Mal 😉 ) connected und als zweiten Wecker in der Rückhand. Eine Whatsapp-Information erlaubte dann das Weiterschlafen in 2000 Kilometern Entfernung. Danke! Schnell waren die Pflichten des Morgens erledigt. „Mundgerecht“ trapiert, musste die „Häufchen“ nur noch abgearbeitet werden. Liegt nix mehr rum hat man alles mit und an. Bewährte Strategie am aufregenden Rennmorgen. Ein wenig Panik kam dann doch noch auf, als ich mich dann doch für die 250 g Langarmshirt entschied. Da das ganze Zeug natürlich zu unterst in der Bärbel deponiert ist … Rinn in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln.

Dropbag rechts) und Zieltütchen

Dropbag rechts) und Zieltütchen

Die Uhr zeigte dann auch bereits 4:08 Uhr, als ich endlich das Chalet verließ und mich auf den 15 minütigen Weg zur Bushaltestelle begab. Busstart 04:25 Uhr. Am Ende wirds wie immer knapp.  😉 Also wurde erst einmal ein bissl gejoggt, Den 12-liter-Rucksack auf dem Rücken, je ein Kleiderbeutel rechts und links. Die Stirnlampe um diese frühe Morgenstunde eine gute Entscheidung.

Viiiiiel zu früh erreichte ich natürlich den Abfahrtspunkt des Busses. 😉 Die Lage entsprach der im Internet veröffentlichten. Zusätzlich hatte der Veranstalter an jedem Haltepunkt eine Beschilderung mit den Abfahrtszeiten für die verschiedenen Distanzen angebracht. Besser geht es kaum. So konnte ich bereits am Vortag feststellen, ich absolvierte noch einmal einen Regenlauf von Chamonix nach Les Houches und von dort zurück ins basecamp, dass alles nach Plan läuft.

Besser geht's nicht!

Besser geht’s nicht!

Die Busse trafen pünktlich in Courmayeur ein. Bereits aus dem Vorjahr der recht lange Marsch vom Haltepunkt der Transpoter bis zum Startbereich bekannt. Über einen Kilometer latscht man zum Startbogen hinauf. Es war dann auch bereits halb sechs, als ich den dropbag auf der einen, ausgeschilderten Straßenseite und den Zielbeutel genau gegenüber in vorbereitete Behältnissen übergab. Alles sehr, sehr professionell abgewickelt mit ausreichend, auch deutsch, sprechendem Personal. Ich war begeistert.

Einfahrt in den 11 km langen Mont Blanc Tunnel

Einfahrt in den 11 km langen Mont Blanc Tunnel

Schnell fand ich den Weg zu den anderen 1600 Startern in die Startaufstellung. Gab es beim CCC® noch Startblöcke, würden beim TDS offensichtlich alles gleichzeitig gestartet. Perfekt. Ich versuchte mich so weit, wie möglich nach vorn zu arbeiten. Knapp 30 Meter hinter dem Startbogen war meine Ruhepunkt bis 6:00 Uhr erreicht.

TDS Banner

Der Start

Die Zeit verflog. Viel Musik, anrührende Musik ließ die Tagesaufgabe präsent werden. Es war schon sehr erhebend, hier zu stehen. Eine fühlbare Anspannung herrschte im Feld. Überraschend ruhig und gefasst, trotz alledem. Mir war alles bewusst, was zu leisten war, wobei ich nur ahnen konnte, was da wirklich auf mich zu kam.

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Kurz vor sechs in Courmayeur

Kurz vor sechs in Courmayeur

2 Sekunden später ;-)

2 Sekunden später 😉

Es ging los. Irgendwie ging es los. Ob mit Knall, Pfiff Ansage. Mann bekommt soweit hinten einfach nichts mit. Aber die wogende Menge verließ den angestammten Platz. Sehr schnell kam ich ins traben und weiter ins lockere Laufen.

 

Begleitet vom Piraten der Karibik. Endlich live, keine MP3-Musik mehr im Ohr. Ich hatte diesen Song unzählbare Male auf meinen Läufen gehört. Mir das Flair vorstellen müssen. Jetzt war es hier am Start des TDS. Endlich. Es ging los. Schnell war der Citytrail zu Ende. Wir passierten den Abkipppunkt vom Bus und dann ging es auch schon hinauf. Anfangs noch auf Asphalt. Wenige Einwohner aber viele mitgereiste Angehörige säumten zu dieser nachtschlafenden Stunde die Arena. Die Fußsohlen spürten Geröll und Kies. Wir schraubten uns auf einer breiten Skipiste den Berg hinauf. Das Feld ging ins kontrollierte, zügige hiken über. Ich passte mich an. Jede laufbare Steigung wurde (noch) gelaufen. So geht das am Anfang eines tagesfüllenden Ausfluges. Immer und ich denke überall auf den Trails dieses Kontinents. Stunden später tun das nicht wirklich effektive Getrabe nur noch wenige. In der Leistungslasse, in der ich mich heute bewegte, niemand. 😉

Immer schön hiken ... step by step ... Aufwärmphase

Immer schön hiken … step by step … Aufwärmphase

Das Tageslicht hatte mittlerweile das Licht der Stirnlampen verschluckt. Ich hatte gar keine auf. Schmarotzte im Lichtkegel meiner Mitläufer. Im Alter darf man das 🙂 Mittlerweile liefen alle auf Platz. Es gab nur noch einhändig zählbare Überholmanöver. Natürlich würde sich das ändern. Manche warten ja (scheinbar) auf die Singletrails, wo ein überholen ohne Offtrail zu sein unmöglich wird. Dann schlägt deren Stündlein.

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Endlich geht es nach oben … oben heißt Aussicht!

Ich hingegen fühlte mich gut. Taxierte die Mittrailer. Las die ein oder andere Startnummer. Besonders einprägsam die 6628, zehn Punkte nach meiner und eine deutsche Läuferin. Sie war in meinem Tempo und meiner Laufgewohnheit unterwegs. Ich sollte sie auf den ersten 50 Kilometern immer mal wieder überholen oder wurde von ihr überholt.

Nach knapp 7 Kilometern, so zeigte es auch die Fenix-3, wurde der erste (Nach)Füllstand erreicht. Ich verzichtete großzügig. Nach einer guten Stunde muss Mann nicht schon bechern. Dazu sollte noch genug Zeit bleiben. Der Weg wurde nun endlich trailig. Höhenmeter gewinnend wurde der Weg zum Singletrail. Immer wieder gab es kleinere Staus. Nichts dicket. So ist das, wenn sich 1600 Läufer in die Natur trichtern müssen. Hier schlug nun die Stunde der Singletrailüberholer.

Der Trail begann ...

Der Trail begann … Nach VP1

Auch wenn es noch so kräftezehrend war, es wurde durchs Gras, über Felsen kletternd um jeden Millimeter gekämpft 😉 Mich amüsiert es mehr, als es mich nervt. Irgendwann überholt man sich dann doch wieder … So sind Laufveranstaltungen in den Bergen.

Und die Aussicht wurde zusehends besser. Endlich kamen sie ins Blickfeld. Die dicken, spitzen, teils vergletscherten Steine. Das, was wir sehen wollen. Warum wir hier waren. Laufen in einem Traum aus Stein. Heute galt das Motto. Fotografieren ist, wie Rasen mähen. Wenn einer erst mal anfängt … Ich hatte meinen Startnummerngürtel mit Zusatztasche angelegt. Perfekt für das IPhone. So war es binnen Sekunden Einsatzbereit. Ein Muss bei dieser Kulisse. Langsam setzte die aufgehende Sonne die Felsen ins rechte Licht. Wir gewannen tapfer an Höhe. Ohne zu schwitzen zunächst. Es war noch kühl an diesem Morgen. Ideales Laufwetter sagt man wohl dazu.

IMG_4064Ohne wirkliche Anstrengung erreichten wir knapp 2500 meter (2435m). Sichtlich erleichtert nahmen wir dennoch die Aussicht auf den nachfolgenden Downhill wahr. Es ging zunächst wieder gut 600 Höhenmeter hinunter. Der Downhill recht angenehm zu laufen. Am Lac Combal (Combalsee) sollten wir 17 Kilometer zurückgelegt haben. Der erste große Verpflegungspunkt wird erreicht und ich fühlte mich nun eingelaufen. Immer wieder musste die Knipse aus der Tasche gezogen werden. Das Wetter war ein Traum. Die Kulisse sowieso.

Stetes Auf- und ab sorgt für Abwechslung. Dennoch war Augen auf aufm Trail oberstes Gebot. Was schwer fiel, bei diesem Anblick

Stetes Auf- und ab sorgt für Abwechslung. Dennoch war Augen auf aufm Trail oberstes Gebot. Was schwer fiel, bei diesem Anblick. Die Ameisen noch gut zu erkennen. Die nächsten Kilometer immer fest im Blick.

Nach der Rettungskapsel ist vor dem Downhill. Auf dem Gipfel fiel es schwer, die Aussicht zu verlassen und sich der Tagesaufgabe zuzuwenden. Wie im Traum lagen uns die Berge zu Füßen.

Harntreibender Aufstieg ;-)

Harntreibender Aufstieg 😉

Die Wege nun sehr einfach zu laufen. Kein wirklich technischer Anspruch. Lediglich die Wegesbreite war das ein oder andere Mal nicht für 2 Füße nebeneinander geeignet. Ich war im Übrigen kurz/kurz mit Armlingen unterwegs. Das sollte auch noch eine Weile so bleiben. Es war (noch) recht frisch oberhalb von 2000 Metern. In diesen Höhenlagen sollten wir uns überwiegend bewegen. Dennoch fühlte ich mich recht fit. Kein Kopfschmerz, wie noch 8 Wochen zuvor beim Mont-Blanc-80k. Das gab mir Zuversicht und Hoffnung, den Lauf auch genießen zu können.  Recht unspektakulär erreichten wir den VP2 am Lac Combal. Immer wieder und so auch hier von einer Drohne begleitet. Ob es unsere Laufgruppe jemals in ein Video schaffen wird? Mann wird sehen.

Schon von weitem waren die Zelte zu sehen in der sonst baumlosen Ebene. Ich schappte mit ein paar Kracker und irgendwas anderes schnelles. Ich kann mich nicht mehr erinnern. Auf jeden Fall musste ich kein Wasser nachfüllen. Trank wohl einen Schluck Cola und weiter gings auf breiten Wegen zum höchsten Punkt des Rennens. Hinauf auf den Col du Chavannes mit seinem über 2600 Metern.

Lac Combal

Lac Combal

 

 

Fortsetzung folgt