Tenerife Blue Trail 2018 – Mein schnellster Ultratrail ever

… think positive. What happend.

Nach über 4 Jahren Teide- Abstinenz hatte ich mich im vergangenen Jahr dazu durchgerungen, dann, wenn man seine Laufplanung für das kommende Jahr ersinnt, noch einmal auf den Pico del Teide zu laufen. Bereits in 2014 gefinished (Projekt 3 Points) sollte es auch 2015 wieder sein. Doch das Wetter machte uns seinerzeit einen Strich durch die Rechnung. Startabbruch bevor es begann. Kersten go home ohne Bluetrail.

Trotzdem ein tolles Projekt dieser Ultra Trail, wo vom (jetzt neuen Startort und nun auch im Juni nicht mehr im Oktober) in Fanabe zum großen Vulcankegel gelaufen wird. Hinauf auf Spaniens höchsten Berg, dessen Gipfel auf 3714 m liegt und der auf 3550 Metern fast erreicht wird.

Kein Lauf ohne die Insel, auf der man startet ein wenig zu erkunden, zu genießen, laufend zu erkunden. In dieser Woche hatte ich den Küstenort in Los Cristianos auserwählt, den ich nach drei Nächten verließ, um die Resttage bis zum Start in Puerto de La Cruz zu verbringen. Eine goldrichtige Entscheidung, hat sich die nördliche Hafenstadt von einem kleinen schmuddeligen Touristenort (Stand vor 15 Jahren) zu einem wirklichen Kleinod entwickelt. Und das sagen die Residenten und ich konnte es sehen. Beide Male. Nicht so quirlig und crazy, wie der Süden und viel weniger Besucher von Brexitisland.

Freitag, raceday. Gegen 21 Uhr fahren die Busse zum Startstrand in den Süden, Klar, das zur Abfahtszeit um 21 Uhr keine Busse da war, keine Haltestelle ausgeschildert … Zig Läufer am Martinez-Strand Löcher in die Luft guckten. So ist spanisch und es funktioniert. 21:15 saßen alle in den Bussen, das nagetier hatte sich gleich hinter dem Fahren verkrümelt. Eine gute Stunde gings fast ausschließlich auf der Autobahn zum Start.

Hier ein wirklich würdiger Startort. Halligalli Transgrancanaria-like am Strand und den umliegenden Restaurationen. Wasserflasche umfüllen, Kontrolle Pflichtausrüstung (nicht gar so pingelig, wie angedroht 😉 und schon standen wir hinterm blauen Luftballon unter dem hindurch es pünktlichst um 23:30 in Richtung Osten ging. Feuerwerk am noch zu passierenden Strandabschnitt, Startmusik für die geschätzt 300 Läufer der 2018-er Austragung.

Wider Erwarten war es wirklich war. Ärmlinge und Jacke konnten im Rucksack bleiben. 25 Grad Celsius zeigten die Strandtermomaten. Die Luftfeuchtigkeit amazonas-gleich. Was man so liest, ist ja nicht so die meinige Laufgegend. Never (Stand 2018) Mann will sich ja nix verbauen 😉

Nach ein paar Kilometern Strandpromenadennichttrail gings für ein paar Meter, das Ende der Fußgängerzone war erreicht, am Strand zum ersten Staupunkt. Einfädelung auf die Ortsstraße von keine Ahnung und auch recht egal.. Schnell hatte sich bei den paar Läufern der Engpass aufgelöst. Alle rannten weiter, als gäbe es kein Morgen. Selbst ich Schlappi lief in 5:xx-er pace. Unglaublich. Was war hier los.

Keine 2 Kilometer vom Start entfernt ging es auf Schottenpiste und nach 4 Kilometern endlich auf Trail. Auch ich hatte nun mein Teelicht angeknipst. Zu gefährlich jetzt das laufen und springen über das lose Gestein. Es war ein Traum. Trail vom feinsten, der alsbald in den Steingarten von Tenerife überging. Mit meinen Hokas waren solche Kiesel kein Ding. Die Vibramsohle schafft auch Vulkangestein nicht (mehr). Ich lag recht gut in der Zeit, hatte mir eine 9:30-er pace für den ersten Abschnitt errechnet, um den ersten cutoff zu schaffen. Trotz ich permanent überholt wurde war meine pace für die Zielstellung o.k.

Roadbook Bluetrail 2018

Auf Pisten wurde gerannt, auf Trail gehiked und hinauf sowieso. Nach endlos empfundenen Straßengelatsche, so sind nun mal die Orte hier aufgebaut, dass es darin Fahrstraßen gibt, erreichten wir den ersten VP. Ich war nach 1:15 Stunden da und hatte mir hier schon ein 35 min Polster auf die Jetztgehtrauszeit gesichert. Das beruhigte mich dann doch ein wenig. Ich fühlte mich gut, mein Stirnband hatte ich bereits das ersten Mal ausgewrungen. Es war wirklich schwül heiß, war man aus der Windzone vom Meer verschwunden.

Ich trank eine Cola, ich Cola. Welch Wunder. Pepsi in 500 ml Flaschen, wie weise diese Entscheidung. So konnte ich perfekt dosieren und dem Steilanstieg, immer noch Asphalto, aus dem Ort hinaus. Das letzte große Stimmungsnest verriet den Aufzweiger auf Piste und besser war es dann auch. Wunderschöne Nahblicke zum durchquerten Dorf und Weitblicke zum den Touristenzentren in Tenerifas Süden.

Endlich war es soweit, die erste Aufgabe musste erledigt werden. Fast 800 hm waren zwischen den 5,6 km auseinanderliegenden VPs zu schaffen. Zeit dafür 1:20 Stunden. Mit dem Zeitpolster kein Ding, wie sich herausstellen sollte. Aber das weiß ja keiner vorher und so hieß es erst mal so zügig, wie nötig aufsteigen und die Kilometerzeiten im Auge behalten. Bis auf 3,xx km/h sinkt die notwendige Wanderzeit herab, will man pünklich zum nächsten Essen sein. Verrät aber auch, hier wirds technisch und das wurde es dann auch.

Gleich dem Aufstieg UTMB-Schlussaufstieg zum „La Tete aux vents“ schraubten wir uns die Lavafelsen hinauf. Mit Stöcken ganz gut machbar. Nur nervte mich diese Dunkelheit wirklich sehr. Wie konnte ich auch vermuten, dass es nachts hier hell sein würde? 😉 Die Landschaft muss traumhaft hier sein, doch erfassen konnte es meine Petzl nicht. So schade. Erstmals zweifelte ich an der Aufgabe. Sowas vergeht. Immer mal die pace gecheckt. Schnell genug, überraschend schnell. Nach anfänglich bösem Gesteige wurde der Weg angenehmer. Der Wind nahm zu. Sollten jetzt schon die Wolken kommen?

Der nun recht einfach, was man eben so einfach nennt, zu laufende Weg, immer noch Singletrail, brachte kühlere Temperaturen. Angenehm anfangs, ob der völlig durchnässten, durchschwitzten Laufsachen dann irgendwann unangenehm. Kaum noch jemand überholte mich. Ein Blick zurück war ernüchternd. Alle Restlämpchen konnte man mit Handschlag begrüßen. Kopfkino, cuttoffterror. Tausend Dinge schießen dir durchs Gemüt.

Endlich mal eine Kilometerzeitanzeige. Jeden Kilometer meldet mir die Fenix ihren Messwert. Alles gut. Langsam kroch so ein Gefühl in mir auf. Misst die Uhr auch richtig, so langsam, wie ich mir vorkam. Sollte ich in den cutoff laufen? Hier schon. Mein Kopf hatte sich vom Restkörper gelöst und probte den Zwergenaufstand. Die Muskulatur fühlte sich hervorragend an, kein Zicken und Ziepen. Fußsohlen schmerzfrei, Hüfte war offensichtlich nicht mit, denn sie meldete sich gar nicht mit den sonst üblichen Schmerzpunkten.

Oh, doch noch ein anderer Läufer auf der einsamen Wanderung hinauf zum nächsten Checkpoint. Stehend an einer der endlosen Spitzkehren. Mann grüßte nicht und mein Hola versickerte im Geröll. Ein Nachtgelatsche wieder hier., so meine Gedanken. Aussicht gleich Null und damit es besonders schön wurde 😉 kamen endlich die schon verspürten Wolken. Die ersten Tausend Höhenmeter waren in den Beinen aber noch nicht im Kopf angekommen. Das erste Fünftel war geschafft auf 1/8-tel der Laufstrecke. War doch perfekt, im Nachhinein betrachtet.

Mit den Wolken, in denen wir nun herumliefen gesellte sich (natürlich) leichter Niesel, Wolken halt. Mir war nicht kalt, aber warm war auch anders. Sicher war ich perfekt gerüstet, hatte die dickte Hochgebirgslaufkleidung auf dem Rücken. Blieb man in Bewegung, es war ein umziehen, jetzt schon, nicht notwendig.

Ab und an musste ich meinen Weg korrigieren, als ich an der ein oder anderen Abzweigung eine andere Richtung einschlug, als die Flatterbandaufhänger sich gedacht hatten (keine Reflektoren 😉 ). Nerv, nerv. Immer noch keine Aussicht, es war also immer noch dunkel. Auf meiner rechtsseitigen Fenix konnte ich permanent die Uhrzeit ablesen. Noch 6 Stunden bis zum Sonnenaufgang. Waaas, noch 6 Stunden. Nee, ne.

Wieder zweifelte ich an allem rum, was mir an Mantras in den Kopf kam. Keines der bekannten Seelentröster half. Gut, die Wolken angeschrien habe ich jetzt nicht probiert. Aber so schlimm wars dann ja auch nicht. Glaubte der einsame Läufer in der Nacht.

Ein Läufer auf dem offensichtlich rechten Weg unterwegs hatte mich nun eingeholt und eingeholt heißt überholt. Wieder ging es 100 Höhenmeter nach unten. Hatten wir die 1000 m Grenze schon mal geschafft, war die nächste Talsohle oder was es auch immer war, mit 900 Metern mal wirklich ein Abstieg.

Würde ich beim nächsten Kilometerspeichern der Fenix. Langsamer geworden sein. Nix da. Würde ich den Cutoff nicht schaffen? Ich hatte mittlerweile 1 Stunde auf die Endzeit gutgemacht. In den Cutoff laufen schied also auch aus. Ich konnte mich aber auch nicht motivieren, Freude und Spaß zu empfinden. Ich stapfte tapfer mein Tempo den Hügel/Berg hinauf. Wartete auf den nächsten erhellten Bildschirm auf der Fenix … Upps wieder einen Abzweiger verpasst. Kleines Stück zurück. Der Nebel war jetzt aber auch dicht. Kommt ja gleich die Sonne. Gleich? Mein negatives Ego hatte die Oberhand. „Es würde noch Stunden, ewig dauern“.

Es war 2:28 Uhr, als ich den VP La Quinta erreichte. Bis 3:10 Uhr hatte ich Zeit. Mir war es jetzt wirklich Hupe. Noch 5 Stunden durch die Nacht zu latschen, Wofür? Ich hatte alle Zielstellungen auf dem Weg nach La Quinta auf der Strecke verloren. Ich musste auch gar nicht wirklich darüber nachdenken. Zeit zur Besinnung, zum Nachdenken? Wie man es so macht, wenn man mal ein Tief hat.

Keine 5 Stunden mehr durch Nacht und Nebel, um dann immer noch herumzuzweifeln. Nein, ich konnte und wollte die verbleibende Zeit auf der Insel anders verbringen und es war so klar.

Das letzte Mal erlebte ich so etwas 2016 bei meinem ersten Barcelonen Trail Race. Nach 70 km bin ich abgebogen und ins Ziel gelaufen. Keine 5 Stunden mehr durch Nacht und Kälte. So hab ichs gemacht und war zufrieden damit.

Und heute, wie würde ich entscheiden? Ich war tief drin im Loch, wo die Ränder weg sind und sein Beginn auch zu weit weg. Was war hier los?

Meine Tiefs endeten genau hier. Freundlich fragte ich nach den Modalitäten des Ausstiegs, ob ich bis zum Cutoff warten muss? Ob es einen Transfer gibt? Wann der fährt? Was man eben so faselt morgens dreiviertel drei aufm Berg.

Ich könne es mir noch überlegen, so das Angebot der Aufschreibverantwortlichen. Ja, nee. „Its correct. I finished here“ Ich musste keine Sekunde darüber nachdenken. Es war alles so klar. Ich wollte es mir heute nicht mehr beweisen. Vielleicht hätte ich gar nicht starten sollen? Aber so schlau ist man am Start nie, never nie. Überlegungen, auf eine andere Strecke zu switchen gab es. Aber ich motivierte mich mich der Aussicht auf dem Teide. Doch auch das Argument entkräfte mein böses Ego mit: „Warst doch erst auf der Altavista Hütte am Montag“

Meine sacknassen Laufsachen tauschte ich geben das wollig warne Shirt aus dem Rucksack, meiner Regenjacke, Mütze und Handschuhen. Ach war das Schön.

Keine 5 Minuten nach meinem Finish saß ich im T4, der mich zur Nächten größeren Stadt bringen sollte. 3 weitere Sportler saßen im Bus. Nach 15 Minuten stiegen wir in einen kleinen Überlandbus und waren keine 90 min später am Ziel. So etwas Professionelles habe ich noch nie erlebt und so ein bisl Frühfinisherfahren bin ich ja auch.

„,5 Stunden nach La Quinta lag ich frisch geduscht in meinem Bett und schlief ein, wie ein Baby. Nein, keines was rum lärmt, sondern was rundum zufrieden ist, so wie es ist.

Ich habe nach dem Lauf schon wieder tausend Dinge durch meinen Gehirnskasten getrieben. Aber ich mache mir da jetzt keinen Stress. Mein letzter großer Ultra Trail, der es mal werden sollte, endete bereits nach 15 Kilometern. Das ist wirklich Tiefenrekord. Schwamm drüber. Ich muss was entscheiden und ich werde es tun, alles zu seiner Zeit. Das Problem ist erkannt, nun wird an einer optimalen Lösung gearbeitet. Laufen wird es weiter geben, das große Curlingtalent bin ich ja auch nicht. Galgenhumor hilft, im übrigen, manchmal.

Wir sehen uns, auf den Trails dieses Planeten … Später vielleicht auch im Wettkampf. Mann weiß es (noch) nicht.

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