Wieder mal raceday in Chamonix: Mont-Blanc-80k

Endlich war es soweit. Der Starttag des Mount Blanc 80 k war gekommen. Am Abend zuvor ging es, erwartet, recht spät in die Waagerechte. An Schlaf ist vor solch einer Distanz eh kaum zu denken. Drei Stunden sind es dann doch geworden, als der Wecker mich aus den süßen Träumen riss. Nein, ich glaube ich träumte nicht.

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Morgens kurz vor vier in Chamonix. 1000 Trailrunner haben ausgeschlafen.

Meine liebste Bodencrew hatte bereits alles für das leckere Frühstück vorbereitet. Ich musste nur noch in die Sachen schlüpfen, drei Toast in mich hinein zwingen und dann ging es auch schon gemeinsam zum Startbereich. Ich wollte nicht zu spät erscheinen. Das Teilnehmerfeld groß und der Singletrail, der zum Gänsemarsch zwingt nicht weit entfernt. Gefühlt in der zehnten Reihe fand ich mich wieder. Die Zeit verflog. Wir verabschiedeten uns. Mann konnte sich in der Startaufstellung sogar bewegen.

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Läufer soweit das IPhone reicht

Nach einigen Volksreden, ich verstand nichts, wurde bis elf hochgezählt und die Startmusik ertönte. „Hells Bells“ oder „Highway to Hell“ wurde gespielt. Ich weiß es nicht mehr genau, denn mein MP3-Player spielte TDS-Musik.

Es ging zügig los, ich hielt gut mit und wenige Augenblicke ging es auch schon hinauf, immer schön das Tempo halten und den hart erstandenen Startplatz sichern. Nach 800 Metern hatten wir bereits die ersten 100 Höhenmeter absolviert. Es wurde geklotzt, nicht gekleckert. Immer weiter ging es in Richtung „Brevent“ hinauf. Wir folgten den Pfeilen auf der Straße. Die Stirnlampen erleuchteten den anbrechenden Morgen. Ja, es war stock finster.

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Erster zäher Aufstieg … gleich geschafft

Recht zügig wurde der Wald erreicht, breite Wege. Nur eine kleine, unbedeutende Staustelle zwang zum verpusten. Anfangs folgten wir einem breiteren, anspruchslosen Forstweg bevor wir uns auf einem Pfad einreihen durften. Das Tempo gleichmäßig. Es wurde fast durchweg gelaufen. Nur wenige Steilstellen zwangen zum energieeffizienten Speedhiking. Auf den ersten 11 Kilometern sollten nahezu 1600 Höhenmeter zurückgelegt werden … Das war recht anspruchsvoll. Den Großteil dieses Streckenabschnitts absolvierten wir im Schein der Stirnlampen. Nach 3 Kilometern erblickte ich erstmals den großen fetten Steinklotz neben uns. Ich hatte das Gefühl, nur hinüber fassen zu müssen. Der Mont Blanc und seine angrenzenden Bergkuppen erschienen so sureal nah. Fast beängstigend. Wir schraubten uns tapfer nach oben. Immer wieder schaute ich auf den Höhenmesser. Die ersten hunderte Höhenmeter vergehen ja etwas zäh. Immer und immer wieder schaut man auf die Anzeigen. Die Distanz hier völlig zweitrangig. Es geht nur ums hoch kommen. Sind die ersten 1000 Höhenmeter gespeichert, wird es leichter (für den Kopf). Diese erreichten wir noch vor der ersten Wanderhütte (Refuge Bel Lachat).

Cutoffs

Cutoffs

Nach all der Kraxelei, ich glaube an die 7 Kilometer ging das so, erreichten wir eine kleine Hochebene, passierten den „Lac de Brevent“ ohne ihn wirklich zu sehen (schade) und kletterten zum „Brevent“ mit seinen 2500 Höhenmetern hinauf. Gut, kurz unterhalb 😉 Das Läuferfeld hatte sich bereits weit auseinandergezogen. Überholvorgänge gab es kaum. Ich drückte mich tapfer mit den Trailstöcken nach oben. Ufff. Kurz vorm eigentlichen Gipfel wurde der erste große Anstieg gemeistert. Kleinere Schneefelder markierten die Höhenlage. Allerding war kein Eis auf dem Schnee. Es konnte zügig gelaufen und geschlittert werden. Die Stöcke nicht die schlechteste Wahl in dem losen Untergrund. Es folgte der Megadownhill zum VP1 (Altitude-2000). Nahe des Startplatzes der Paraglider gelegen. Hier werden auf 2 Kilometern knapp 450 Höhenmeter zurückgelegt. Das kann schon das erste Mal wehtun, ist man etwas übermütig. Einige waren es oder konnten einfach nicht anders und flogen den Geröllhang an mir vorbei.

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Es heuchelte

Die Muskulatur war nun garantiert aufgewärmt. Elf Kilometer hatten wir absolviert und über zwei Stunden dafür gebraucht. Es folgte nun das recht angenehme Stück nach „La Flegere“ hinüber. Der Weg recht gut zu laufen. Positionskämpfe blieben aus. Es hatte sich bereits ein recht homogenes Läuferfeld gebildet. Ich kannte die Strecke von einer Tageswanderung im Oktober letzten Jahres. Wir liefen mehr oder weniger höhehaltend (+-100 hm) zur Seilbahnstation hinüber. Wir bewegten uns in unmittelbarer Reichweite des Mont Blanc Massivs. Das Wetter ein Traum. Die Sonne war mittlerweile aufgegangen. Perfektes Laufwetter in einer perfekten Umgebung.

Nach der Seilbahnstation war dann es dann erst einmal  vorbei mit entspanntem Laufen. Der Weg wurde technisch anspruchsvoller, die Kletter- und Sprungpassagen zahlreicher. Es wurde anstrengend. Immer noch kannte ich die Strecke. Bereits beim „CCC“ oder „UTMB“ wird hier der letzte Anstieg absolviert. Wir liefen diesen heute in umgekehrter Richtung. Was es auch nicht unbedingt entspannter macht. Schließlich wurde der höchste Punkt des anvisierten Anstieges erreicht („Tete aux vents“). Knapp über 2100 Höhenmeter zeigte die Fenix. Auch 21 Kilometer waren bereits absolviert. Wie auch im vergangenen Jahr ist die Entfernungsangabe nur eine grobe 😉 Es ging nun zum „Col de Montets“ hinab. Immer wieder musste vorsichtig gelaufen, auf teils nassen, mit Erde bedeckten Steinen nach dem Grip gesucht werden. Größere Kletterpassagen hielten sich in Grenzen. Mann kannte den Weg. Ein Sturz wurde mehrfach erfolgreich verhindert. 😉

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Wir waren warm … Mit dem Bossons Gletscher im Rücken läuft sichs ganz angenehm

Schon von weitem konnte man den nächsten Mentalpunkt vernehmen. Je weiter wir ins Tal kamen, umso mehr konnte die Sonne ihre Macht ausspielen. An der nächsten Quelle füllte ich meine Flask auf. Man konnte nie wissen, wie weit es genau noch war und Wasser gab es hier im Überfluss. Bei dieser Gelegenheit verschwand dann auch endlich die Stirnlampe im Rucksack. Bufftuch wurde gegen Visor getauscht. Einem Mitläufer „durfte“ ich noch seine Sonnenbrille aus dem Rucksack reichen … Man hilft, wo man kann.

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Le Flegera passiert. Aufstieg zum“Tete aux vents“

Am „Col de Montets“  dann wieder zahlreiche Zuschauer. Wir wurden verhalten beklatscht. Die ein oder andere Kuhglocke war zu vernehmen. Nach all dem Gehüpfe und Gespringe im Downhill folgte ein wirklich wunderschönes Stück Weg. Je näher wir Buet kamen, umso schöner wurde der Pfad. Recht einfach zu belaufen. Ich war auch recht flott unterwegs wie ich fand. Alle liefen auf Position. Das bestätigte mein Gefühl. Es lief.

Laufen tat auch der Schweiß. Wir waren auf Höhe 1300 oder weniger angelangt. Die ersten 2000 Höhenmeter waren in den Beinen, merklich. Die Tageshitze kam langsam in Form. Nichts Schlimmes, merkbar halt. In Buet querten wir die Bahnlinie nach Vallorcine durch eine Unterführung. Ich kannte auch diesen Weg (noch). Auf einer herrlichen Wiese, leicht ansteigend, was sonst ;-), wurde der VP nach 4:50 Stunden erreicht. Ich trank Wasser und ISO oder auch Cola, füllte meine Getränkebestände auf, 2 Flasks mit je 500 ml Füllvermögen beschwerten den 12l-SLAB. Da mir das System der Zwischenzeiten noch nicht ganz geläufig war, twitterte ich erst mal meinen aktuellen Standort und die von mir gemessene Distanz in die weite Online-Welt hinaus. Zu meiner Freude hatte ich ja eine Bodencrew am Start. Der Treffpunkt war prinzipiell auf besprochen. Lediglich der Zeitpunkt meines Eintreffens völlig unklar.

Nach Buet, anfangs halte ich mich nicht sehr lange auf, sollte der fetteste Anstieg genommen werden. Der auf über 2650 Höhenmeter liegende „Col de la Terrasse“. Im Höhenprofil eine einzige spitze Nadel. Nach dem VP2, den ich verlassen hatte, sollte die Spitze (des Leidens) bereits nach 7 Kilometern erreicht werden. Ich hatte keine Ahnung, wie lange man im technisch sehr anspruchsvollen Gelände dafür benötigt. Lediglich eines wusste ich. Um Cutoff Zeiten hatte ich mich nicht zu sorgen. So die Annahme 😉

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Buet passiert. Rüber und dann nur noch Aufi

Anfangs ging es durch herrlichen Kiefernwald. An einem Fluss entlang. Auch eine kleine Ausflügelei passierten wir, auf einer Brücke auf der gegenüberliegenden Seite. Ich hörte bereits den Ursprung des Gefließ. Unweigerlich kamen mir die Ilsefälle aus dem Harz in Erinnerung. Irgendwie so war es hier auch. Nur eine Dimension fetter. Nur gelegentlich musste geklettert oder gewurzelt werden. Das Laufen machte Spaß. Die Landschaft ein Traum. Hier muss ich in jedem Fall noch mal zum trainingslaufen her.

Wir querten den Fluss an seinem Wasserfall und liefen flussabwärts wieder zurück. Stets höhegewinnend allerdings. Es war nass auf dem Singletrail, der uns auf einen breiteren Waldweg brachte. Hier kam es wieder auf, das Gefühl vom deutschen Mittelgebirge. Das beruhigte zugleich, denn das konnte ich gut laufen. Ich lief auf Position. Das Feld war nun sehr weit auseinander gezogen. Nur selten traf man sich. Die Kilometer vergingen und als der 33. Angezeigt wurde, sollten wir eigentlich auf dem Gipfel sein. Das waren wir natürlich nicht. Passierten einen herrlichen kleinen Weiler, die zu vielen Fotos animierte. Das war es, das Postkartenmotiv life. Hach. Mich störte es auch nicht, dass mich einige wenige Läufer überholten. Wann komme ich schon mal wieder HIER her.

Endlich, die Baumgrenze wurde erreicht und der Anstieg wurde steiler. Es wurde aber auch Zeit. Am „Chalet de Loriaz“ wurden 2000 Höhenmeter (mal wieder) gespeichert. Man sah die kleinen Ameisen, die sich dem „Col“ näherten. Doch nicht alle. Zum Glück. Denn es sollte jetzt richtig fett kommen. Auf 2,3 km werden jetzt über 600 Höhenmeter absolviert. Was das wirklich bedeutet, wusste ich nicht. Hatte keine Relation dazu. Meine Vorstellungskraft reichte dafür nicht aus. Jetzt sieht das anders aus. 😉

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Aufstieg zum Col de Terasse – Hier hatte ich noch keine Ahnung, was uns wirklich erwartete

Am Chalet dann ein Wegweiser mit der Aufschrift „Emosson“. Das war der nächste VP. Doch wir wählten einen anderen Weg. Am Chalet wieder eine Wasserquelle. Kopfhautgefrierendes Wasser plätscherte in einen kleinen Holzbottich. Ich ließ die Kopfhaut gefrieren und machte mich an die Aufgabe. Alles kroch nur noch. Die Höhe war deutlich zu spüren. Leichter Kopfschmerz signalisierte Höhen über 2200 m. Ich bin da anfangs etwas empfindlich. Nur Abstieg hilft da. Dafür war jetzt nicht die Zeit. Ich ging am Stock. Am Trailstock und drückte mich tapfer nach oben. Der Untergrund eine Mischung aus Geröll, Steinklötzen und rutschender Erde. Immer wieder musste ich auf dem Fußballen steigen. Es war anstrengend. Um die 30% Anstieg waren Standard. Meist mehr. Zudem grillte uns die Sonne. Auch als ich kurz vor einem kleinen, unbedeutenden Plateau eine kurze Rast einlegen musste war ich optimistisch, den Anstieg problemlos zu meistern. Die wenige Minuten dauernde Pause tat gut. Der Kopf jedoch war auf „das gröbste ist geschafft“ eingestellt.

Das reale Höhendiagramm

Das reale Höhendiagramm

Doch dem war nicht so. Nachdem ich mal wieder einen Horizont erreicht hatte offenbarte sich das ganze Ausmaß des Aufstiegs. Ein Raunen ging durch die Gruppe beim diesem Anblick. Erstmals sahen wir den Sattel vor uns, den es zu erreichen galt. 350 hm hielten die letzten 900 meter für uns bereit (lt. Roadbook). Nein, das war nicht genug, denn 700 Meter davon mussten wir eine Schneefeld hinauf steigen. Man war das ein Brett. Bei dem Anblick wusste ich, ich hatte bisher eigentlich noch nichts heftiges gesehen. Das war es. Dennoch war ich jetzt „flott“ unterwegs. Mein Nachstieg ließ abreißen. Das machte Mut. Es war heftig. Lediglich der Höhenmesser raste. Zwischen 45% und 48% Steigung zeigt das linke Handgelenk.

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Visor ins Gesicht schieben und hoch, Schritt für Schritt. Meter für Meter. An nichts denken, nur hoch, hoch, hoch!!!

Die letzten 200 Meter und 100 hm wurde geklettert. Bergführer zeigten uns die Tritte, wie wir den Col erreichen würden. Ich folgte tapfer den Anweisung und war endlich auf dem Gipfel. Ein unbeschreibliches Gefühl, endlich hier oben zu sein. Kurze Rast, kurze Pause, nach all der Qual musste es sein, bevor ich mir den downhill gönnte. Hoffentlich nicht wieder so hinunter. Minuten später hatte ich Gewissheit. Es ging nicht so hinunter. Der Abstieg war moderater. Dennoch wieder ein komplettes Schneefeld. Weicher, anfangs belaufbarer Schnee: Zwischendurch immer mal eine leichte Kletterei über Felsen bis wird schlussendlich alle auf dem Hintern landeten und dem Downhill rutschend fortsetzten.

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Ein Spaß sonders gleichen

Eine breite Rutschbahn deutete den Weg. Waren Steine darunter zu befürchten? Die Zweifel verflogen nach den ersten Hundert Rutsch Metern. Es ging zügig. Die Stöcke konnte für den Vortrieb benutzt werden. Meist allerdings reichte die Neigung. Gab des im Aufstieg überwiegend Passagen jenseits der 30% (Kletterei bis 75%) war es auch hier recht steil. Der Stausee, der „Lac d’Emosson“ war schon von weitem zu sehen. Wir näherten uns nur allmählich.

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Abstieg nach Emosson

Fünf bis sechs Kilometer technisch schwieriger Downhill sollten uns zum Lac bringen. Es lief gut. Die Landschaft ein Traum. Aus meiner Sicht die schönste der ganzen Strecke. Mein Trailherz hüpfte. Ich war super drauf. Auch hier füllte ich wieder meine leeren Wasservorräte auf. Das kostete sicher ein wenig Zeit. Doch Durst in dieser Hitze ist das Schlimmste, was dir passieren kann. Mir sollte das nicht, also wurde die Flask immer wieder mit eiskaltem Quellwasser befüllt. Der Kopf mit dem sau kalten Wasser benetzt.

Endlich erreichten wir eine Straße, nahe der Staumauer. Hier sind zurzeit Bauarbeiten im Gange. Aus diesem Grund gab es eine Überbauung. Wanderer werden hier geshuttelt. Ich habe doch Höhenangst, hatte das keiner gesagt. Gefühlte 100 Meter ging es auf schmalem Gitterrost über der Straße entlang (es waren wohl 10 m über dem Asphalt). Ich konnte mich nicht mal an eine der Seiten pressen, wie Höhenbibbernde das gerne tun, denn beiseitig ging es „hunderte“ Meter abwärts 😉

Glücklicherweise war das Leiden schnell vorbei. Wir erreichten auf einem Gerüst den Staudamm und konnten über ihn hinweg zum VP3 hinüber laufen. Auch an seinem Ende gab es wieder eine kleine Behelfsbrücke, die uns zum Hochplateau führte. Als wir den Fresspunkt erreichten, hatte meine Garmin bereits über 3,5 km mehr als ausgewiesen gespeichert. Alles im Soll. Ich rechnete eh mit 90 Kilometern. Wie bereits im vergangenen Jahr war es wohl ein wenig länger. Nur die Wasservorräte gingen in diesem Jahr nicht aus. Durch meine Auffüllstrategie kam ich aber fast immer mit vollem Magazin am offiziellen Süffelpunkt an 😉 Mann weiß ja nie .

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Hilfe, was ist hier los?

Ich gönnte mir eine längere Pause. Was dann so an die 7 Minuten waren. Gleichsam wechselte ich meine Socken. Puh … war das ein stinkendes Stück Stoff, das ich da von meinem Fuß zog. Dennoch wollte ich ihnen noch eine Chance geben und verstaute sie erst einmal, von einer Tüte umhüllt, auf meinem Rücken. (Sie haben es dann übrigens nicht mit zurück nach Deutschland geschafft)

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Emosson

Noch ein schnelles Foto dieser traumhaften Plätzchens und es ging wieder los. Downhill, wie bereits die ganze Zeit. Die Füße fühlten sich mit den neuen Fusslingen wie neu geboren. Herrlich. Nur an die Vaseline muss ich beim nächsten Mal denken. Nachvaselinieren ist immer gut. Leichter Druckschmerz unter den Füßen … ich lebte noch 🙂

Zunächst ging es recht moderat einen Waldpfad (sau glatt, da Nadeln auf Stein) hinab. Wir kreuzten eine Bahnstrecke, welche die fahrenden Touristen zum Lac hinauf bringt und stürzten uns anschließend in einen wilden Downhillpfad. Ich verstaute zunächst erst einmal meine Stöcke. Hier war blanke Handarbeit gefragt. An teils ketten- oder seilgesicherte Passagen schraubten wir uns gut 800 hm (auf 3,5km) nach unten. Was hatte ich nur verbrochen, dass ich mir so etwas antat? Meine Stimmung kippte. Das war schlecht, aber war ja zu befürchten. Dieser Downhill, wo ich sehr viel rutschte und so nicht das gewünschte Tempo anschlagen konnte zehrte an den Nerven. Ich kriegte mich auch sehr lange nicht ein. Alles nicht so schlimm, denn ich musste nicht mit IHM reden. Ihr versteht, das zweite EGO.

Irgendwann ist dann auch mal das Schlimmste überstanden. Zwischendurch gab es wieder ein schockgefrieren für den Kopf. Ein kleines Örtchen wurde passiert. Die erwartete Verpflegungsstation entpuppte sich als eine Ausrüstungskontrolle. Hmmm. Hatte ich mich verlesen? Gab es gar keinen Fressstand mehr bis „Le Tour“. Egal. Erst einmal zeigte ich IPhone, Stirnlampe (mit Funktionsprobe) und Regenjacke vor. Anschließend und nur dann (man war sehr eindringlich den Ungeduldigen gegenüber) wurde die Startnummer gescannt und der Weg durfte fortgesetzt werden.

Das nun folgende Stück kannte ich bereits vom CCC im vergangenen Jahr. Auch der dann doch auftauchende VP war irgendwie bekannt. Hmm und es gab endlich die leckere Nudelsuppe, die ich schon die ganze Zeit vermisst hatte. Ich löffelte ein Schüsselchen leer. Füllte meine Flasks wieder auf. Ein bissl Cola noch in den Faltbecher und weiter ging es. Durften wir zum „CCC“ den „Col de Balme“ mit seinen 2100 hm erklimmen, wurde hier noch einer drauf gesetzt. Wir nahmen den Parallelsattel und stiegen auf den 2300 hm hohen „Tete de Balme“ auf. Wieder gab es vereinzelte Schneefelder, die allerdings umlaufen werden konnten. Ich nutzte den Schneezugriff, um meine Oberschenkel zu kühlen. Eine Wohltat, die allerdings nicht gegen den immer wieder aufkeimenden Kopfschmerz halt. Ich schob es auf die Höhe. Immer wieder musste ich eine kurze Verschnaufpause einlegen. Der 4. Fette Anstieg zeigt mir deutlich meine Schwächen auf. Ich schob es natürlich auf andere Ursachen.

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Aufstieg zum Tete de Balme

Dass ich nicht alleine litt, beruhigt wirklich ungemein. Immer wieder ein Schulterklopfen von Läufern, die überholten. Wenig später dann das Ritual in umgekehrter Konstellation. Hier hatten alle in meiner Leistungsklasse zu knabbern. Der Höhenmesser zählte „schneller“, was mir auch wirklich sehr entgegen kam. Ich wollte das kurze Leiden bis zum Gipfel. Danach ging es nur noch abwärts. Sowohl als auch 😉 Allerdings auch bis zum tiefsten Punkt auf knapp 1000 Höhenmeter. Ich dachte zunächst nicht daran, dass ich noch einmal 1300 hm nach oben musste. Erstmals beschäftigte ich mich mit Cuttoff-Zeiten, je öfter ich auf die Knie gestützt nach Luft und vor aller Kraft suchte. Es war lächerlich, hatte ich doch wirklich einen komfortablen Vorsprung. Aber mit solchen Gedanken beschäftigt Mann sich eben.

Endlich zeigte der Höhenmesser die 3 hinter der 2. Noch „lächerliche“ 50 Höhenmeter und der 4. Gipfel war erklommen. Das Wetter immer noch ein Traum. Ich sah den „Emosson Stausee“ gegenüber. Hier, wo ich vor Stunden gerastet, etwas gegessen, meine Socken gewechselt hatte. Und dort unten, über 1000 Höhenmeter unter mir durfte ich meine Stirnlampe vorführen. Es war sehr erhaben, hier oben zu stehen. Mich in dieser Gluthitze hier hoch gekämpft zu haben. Die Zeit hatte bereits hier eine völlig andere Dimension erhalten. Ich sah auch mein Ziel bereits unter mir. Aber mir war es erst einmal Wurscht. Ich sank auf der Wiese kurz unterhalb des Gipfels nieder und sog diese Landschaft in mich auf. Es war einfach erfüllend. Was sind schon 5 Minuten, die ich mir in diesem unsagbar schweren Rennen nahm, nahm um mich wieder aufzubauen. Vielleicht sogar nehmen musste.

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Es ging weiter. Weiter hinunter. Wir passierten die Seilbahnstation von Vallorcine. Das letzte Mal war ich im August im strömenden Regen in der Nacht hier oben gewesen. Ich erkannte nichts wieder, gar nichts. Heute hingegen wärmte uns die Sonne. Der Weg führte uns wenige Meter neben der breiten Fahrstraße durch die Wiese. Viele Läufer vor mir hatten bereits einen schmalen Pfad entstehen lassen. Es lief sich, wie auf Wolken. Nun ging es doch auf die Fahrstraße. Höheverlierend liefen wir nach „Le Tour“ hinunter. Ich sehnte diesen VP herbei. War es doch der vorletzte bevor ich meine groupies treffen sollte. Der Downhill zog sich, wie Kaugummi. Mann kam nicht voran. Ich hasse diese Fahrstraßen, liebe den Singletrail, den laufbaren Singletrail wohlgemerkt.

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Hinunter nach Le Tour

Dieser sollte erst zum Ende des Abstieges erreicht werden. Wir passierten einen großen Parkplatz und erreichten wenig später den Fressstand. Wieder war die Speisenwahl schwierig. Mein Ernährungsplan stimmte heute gar nicht. GELs hatte ich bereits einige genommen. Doch zu wenige. Mittlerweile waren wir wieder auf 1450 Metern Höhe angekommen. Die Kühle der Höhenlage war verflogen. Es grillte recht ordentlich am wolkenarmen Himmel. Einige Mitläufer lagen in „Le Tour“ zum Entspannen am Boden, andere ließen sich von Angehörigen massieren.

Roadbook

Mein Roadbook

Ich hingegen teilte wieder meine Position per IPhone mit, „fragte“ nach der aktuellen Distanz und Höhendaten für die nächste Station. 9,5 km und 400 hm Downhill sollte es sein. O.k. Aus dem offiziellen Kilometer 55 hatte meine Garmin bereits 62 Kilometer errechnet. Auch ihr Akku ging langsam zur Neige. Es piepste erstmals nach 14:15 Stunden die „Batt. Low“ Meldung. Damit verblieb mir noch eine gute Stunde für die präzise Aufzeichnung. Vorsorglich wurde die Zweitzwiebel schon mal angeworfen und deren Aufzeichnung gestartet. Holzauge hatte ja vorgesorgt. Während also meine Fenix-3 zum Feierabend schritt, hatte ich noch an die 30 km vor mir. Ich rechnete mal wieder ein bissl an der Ankunftszeit herum. Die Aussicht aber auf noch geschätzte 1500 hm im Aufstieg und dem abschließenden 1200 hm Downhill auf 6 km ließen alle Ambitionen auf ein schnelles Finish sterben. Erst mal sollte es nach „Les Bois“ gehen, wo mich meine Bodencrew erwartete. Diese war schon Stunden vor Ort. Sorry, aber ich konnte einfach nicht schneller. War froh, überhaupt noch am Laufen zu sein. Die 4 Anstiege hatten alle Kraft aus mir raus gezogen. Auch der Kopf war halbwegs leer. Ja, noch leerer 😉

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VP Les Bois

Kein gutes Zeichen für die verbleibenden 5-6 Stunden. Oh Gott, welche Dimension. Glücklicherweise verdrängte ich diese Gedanken recht schnell wieder. Teilte mir den Rest in die VP Abschnitte ein. Das bewährte Rezept sollte helfen.

Ich hatte mir vom Fressstand einen Lebkuchen mitgenommen. Neben ISO und Wasser in meinen Flasks die einzige Ausbeute vom VP. Schnell noch ein GEL? O.k. Ein GEL. Der Pfefferkuchen flog in den nächsten Mülleimer am Ende eines Parkplatzes. Wir waren nun auf einem gut laufbaren Abschnitt unterwegs. Nach einer Flussquerung über eine breite Holzbrücke ging es auf komfortablem Weg durch den Wald. Ab und an überholte uns ein trainierender Einheimischer. Nicht, ohne uns seinen Respekt zu zollen. Es wurde jetzt richtig heiß, je näher wir „Les Bois“ kamen. Meine beiden Laufuhren zählten tapfer die Kilometer: Die Fenix-2 erwartungsgemäß etwas schneller. Seine GPS-Funktion unterm Blätterdach der der Fenix-3 weit unterlegen.

IMG_1326Als Kilometer neun gespeichert, wurde die Randlage des Ortes erreicht. Helfer wiesen den Weg. Den Weg zur Wiese sozusagen. Und dann sah ich auch schon die Verpflegungszelte am „Horizont“. Über 70 Kilometer war ich bereits unterwegs und ich war völlig im Eimer. Für viel Geld hätte ich hier abgebrochen. Ich hatte keine Ahnung, wie ich den Aufstieg nach „Montenvers“ („Mer de Glace“) schaffen sollte.

Endlich. Meine Bodencrew kam in Sicht. Herrlich. Sofort wurde jede Laufbewegung eingestellt. Wir wanderte gemeinsam zum Süffelstand. Ich bekam sogar einen Stuhl, als ich mit aufgefüllten Flasks und 3 Bananenstücken zurückkam. Hinsetzen, Schuhe ausziehen, Kopf frei kriegen. Wir redeten über alles und nichts. Ich war kaum aufnahmebereit. Einige stiegen hier aus, wurde mir mitgeteilt. O.K. Kann ich auch, für 1000 Euro. Keiner wollte sie mir geben. Ich schlüpfte wieder in meine Schuhe, zog meine Jacke an, denn mir war kalt. Warum war mir kalt? Keine Ahnung. Achso, es würde nachts kalt werden 😉 Mann war neben sich.

Ich musste einfach nur diesen verflixten letzten Anstieg schaffen. Nur noch den einen, dann ist es geschafft. Und es sollte sooooooo lange dauern. Wir verabschiedeten uns. Dank für die wichtigen Minuten am Süffelstand. Es war so ermunternd, nach Stunden endlich bekannte, liebe Menschen um sich zu haben. Ich zehrte die folgenden Stunden davon.

DSC_2437Ich sockte den Weg auf der Wiese zurück um mich anschließend, wieder wurde die „Ahre“ über eine Holzbrücke gequert an den Aufstieg zum „Mer de Glace“ zu machen.

Es kam nun das Teilstück, auf das ich mich im Vorfeld sooo gefreut hatte. Ich erinnerte mich an diese Vorfreude. Tapfer stapfte ich die Anstiege hinauf. Es sollten nur 7 Kilometer sein. Sieben Kilometer bis zum letzten großen „Gipfel“ dann nur noch 4 Kilometer bis zum „Plan de L’Aiguille“ ein bissl Downhill und dann Zieleinlauf. Anfangs war der Weg recht gut zu bewältigen. Die ersten zwei Kilometer ging es durch den Wald. Gut lauf- und hikebar bevor wir eine Fahrstraße, geschotterter Untergrund, Anstieg unter 20% erreichten. An seinem „Ende“ stand eine schweizer Flagge, die uns den Weg über Steinplatten, es war mal wieder Klettern angesagt, zu einem Chalet wies. Hier sank ich auf einer Bank zusammen. Mittlerweile war aus dem Kopfschmerz eine Dauererscheinung geworden. Ich musste weiter, ich musste hoch, hoch auf den letzten Gipfel. Nach einem Becher Tee. Hmmm, war der lecker, ging es den vergrößerten Spießgrund (Felsenschlucht im Elbi) hinauf. Nur ohne Anlauf. Gleich mit klettern über Felsblöcke. Mittlerweile redete ich mit mir. Es wurde kritisch. Ich pausierte alle 50 Höhenmeter. Man war das anstrengend. Wie sollte das nur weitergehen. Sollte ich meine kleine, goldene Folie rausholen und ein bissl schlafen. Genug Zeit hatte ich dafür. Aber kein geeigneter Platz fand sich. Ich musste mir auch einen Wecker stellen. Die Akkukapazität betrug nur noch 7%. Das war nicht viel. Ich wollte auch den „Mer de Glace“ sehen. In der Dunkelheit machte auch das keinen Sinn.

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Der Tag geht zu Ende. Aufstieg zum Montenvers

Ich dachte an die Querung unterhalb der „Aiguille des Chamonix“. Ich wollte diese markanten Felsen bei Tageslicht sehen. Immer nur von La Floria aus war keine Lösung 😉 Ich musste weiter. Aber ich konnte nicht. Ich war völlig kraftlos. Mein Kopf war kraftlos. Ich musste irgendetwas tun. Auf andere Gedanken kommen. Mich ablenken. Ich hatte nicht viel dabei. Ein GEL wäre eine Option. Ich naschte ein GEL. Klebte mir dabei die Hände voll. Das war gut, ärgerte mich über meine Dummheit. Im Nachhinein gesehen perfekt, ich war abgelenkt. Dachte an anderes als an das endlos weite Ziel. Der Weg wurde, so plötzlich wie dieser Steinquader auftauchten, stufiger, laufbarer. Ich lief. Ich joggte. Ich schleppte mich schneller als gehend dem „Mer de Glace“ entgegen. Ich sah erstmals in meinem Leben die Gipfel hinter dem Mont Blanc Massiv. Angeleuchtet von der Abendsonne. Es war ein Traum. Links neben mir stürzten sich riesige Wasserfälle in die Tiefe. Ich konnte den Gletscher sehen. Plötzlich tauchte neben mir das Hotel von „Montenvers“ auf. Auch die Bahnstation der Zahnradbahn. Ich hatte es fast geschafft. Nein, ich brauchte keine Pause mehr. Ich möchte nur nicht mehr klettern. Ich redete wieder mal … Ich musste nicht mehr klettern. Ich lief den Weg parallel zum Plateau. Der vorletzte VP würde in Kürze erreicht. Ich hatte bereits wieder knapp 900 Höhenmeter in den Beinen. Meine Fenix-3 hatte ich in „Les Bois“ bereits der „Bodencrew“ überlassen. Die 2-er Fenix hatte jetzt die Verantwortung, mir die Höhenmeter zu säuseln. Und sie tat es. Alle 100 Höhenmeter Aufstieg gab sie laut. An einer Spitzkehre endete mein endlos erscheinender Weg. Es ging nun direkt zum Hotel hinauf. Das Titelbild des „Marathon du Mont Blanc“ kam mir in den Sinn. Genau hier wurde es gemacht. Für ein Selfie reichte der Akkustand nicht mehr. Für den „Mer de Glace“ und die Wasserfälle schon.

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„Mer de Glace“. Schnell ein Bild … ich musste weiter. Nach genießen war mir nicht zumute.

Am Süffelstand hielt ich mich lediglich 30 Sekunden auf. Ich fand heute eh nix leckeres zu Essen. Ein kleiner Schluck Cola, der Rest wanderte in die Ecke. Ich konnte weder ISO noch Cola trinken. Nur Wasser blieb noch drin. Bereits vor Les Bois hatte ich meinen verbleibenden Mageninhalt dem Wald übereignet. Mann konnte nichts machen. Es gibt so Tage.

Gemeinsam mit einen Mitläufer nahm ich die Querung zur „Plan de L’Aiguille“ in Angriff. Alles lief auf Position. Keine schnellen Bewegungen mehr. Der Weg war anders als vermutet, sehr verblockt. Ich hatte einen Singletrail erwartet. Ähnlich dem „Balcon Sued“ oder Nord. Keine Ahnung. Ich wollte jetzt waldigen Singletrail. Nichts dergleichen. Auch war die Ausschilderung und Kennzeichnung hier nicht sehr optimal. Was man aber von den übrigen Streckenabschnitten nicht behaupten kann. Nicht nur mein Lichtkegel ging des Öfteren auf eine weite Reise, um den nächsten Weiterweg zu erkennen. Ja, es war mittlerweile dunkel geworden. Der Weg nahm kein Ende. Stetes auf und ab. Und das Ziel war noch so weit. Das nächste Teilziel. Der letzte VP am „Plan de L’Aiguille“.

Zwischenzeitlich glaubte ich, wir seien bald da, doch auch das nur eine den unzähligen Fatamoganen, die man so erlebt. Hoch, runter, Bächlein durch und Wasserlachen überlaufend. Es war ein langer Weg zum finalen Downhill. Ich aber dachte an gar nichts. Immer wieder schaute ich ins Tal. Chamonix erstrahlte im Lichterglanz. Die Seilbahnstrecke zum „Plan de L’Aiguille“ nun nicht mehr zu sehen. Wir liefen tapfer durch die Nacht. Ein Blick zurück. Viele Glühwürmchen waren unterwegs zur vorgerückten Stunde. Ein traumhafter Anblick.

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Am Morgen des Rennens zwischen Plan Praz und La Flegere … es ging mir deutlich besser

Und dann, wir sie endlich da. Die letzte Verpflegungsstation. Eher eine Auffangstation für verzweifelte Trailrunner. Nur noch 7 Kilometer. Sieben Kilometer die verdammt lang werden können. Oder wie weit war es wirklich? Ich kannte weder den Weg, noch dessen technischen Anspruch. Meine Bodencrew sagte noch, dass der Sieger 40 min von hier oben gebraucht hat. Das macht mal locker ein 6 min/km Tempo. Für die Elite. Wie lange mag der Hobbytrailator benötigen? Ich schob die Gedanken weg. Ich zog meine Schuhe wieder an und sockte den markierten Weg durch die Nacht. Nicht ohne zuvor meine aktuelle Position durchzugeben.

Das Gefühl, im Ziel erwartet zu werden, gab mir einen kräftigen Schub. Nur noch 1200 hm hinunter und dann ein bissl durch den Ort schlappen und es ist vollbracht. Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich bereits unterwegs war. Es machte in meinen Augen auch wenig Sinn, über Zielzeiten nach zudenken. Ich kannte die Strecke nicht. Die Wegesituation war völlig unbekannt. Ich lief, so schnell es eben ging. Ich musste auf nichts mehr Rücksicht nehmen. Die Kraft würde reichen für den letzten Downhill. Nichts schmerzte übermächtig. Ich lief recht locker und zügig. Wie man so läuft nach 85 Kilometern im Hochgebirge. Mittlerweile hatte ich nicht nur meine Jacke wieder angezogen. Auch die Trailstöcke waren vom Rücken in die Hände gewechselt. Und das war gut so. In Serpentinen bewegten wir uns ins Tal. Die Fenix zeigte die aktuelle Höhe. Wann kommt der knallharte Downhill.

Am Sonntag habe ich mir die letzten Meter des Downhills noch einmal bei Tageslicht betrachtet. Beeindruckend, nach über 90 Kilometern hier so runter zu knallen.

Am Sonntag habe ich mir die letzten Meter des Downhills noch einmal bei Tageslicht betrachtet. Beeindruckend, nach über 90 Kilometern hier so runter zu knallen.

Auch die Seilbahn wurde gequert. Die Seilbahn zur Aiguille de Midi.

Auch die Seilbahn wurde gequert. Die Seilbahn zur Aiguille de Midi.

Die Wurzelwege, der verblockte Trail. Die Höhenmeter vergingen und es war „hervorragend“ laufbar. Keiner überholte. Ich war am Überholen. Und das war gut so. Es wurde wärmer, je näher wir der Stadt kamen. Ein Wasserfall rauschte und durchbrach die Stille der Nacht. Ich hatte keine Ahnung, auch dem Uhrenwechsel geschuldet, wie lange ich bereits unterwegs war. Ich hätte es errechnen können. Ich wollte es nicht. Ich genoss hingegen den letzten Downhill. Ich war ewig lange unterwegs. Hatte Phasen erlebt, die ich so noch nicht kannte. Tiefs, die in meinem recht kurzen Ultratrailleben so noch nicht vorkamen. Ich hatte mich da rausgezogen. Aus eigener Kraft. Auch mit Zuspruch durch meine Bodencrew. Meine Twitteria hatte mitgefiebert. Wenig davon habe ich mitbekommen. Aber ich wusste, dass sie mein Rennen verfolgen. Danke ihr virtuellen (und auch schon viele reale) Lauffreunde.

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Abstieg vom Col de la Terrasse … endlose Stunden zuvor (km 40)

Der Höhenmesser zeigte 1200 Meter Höhe an, als es endlich steil bergab ging. Nein, du kannst mir nichts mehr anhaben. Dieser letzte downhill war die Kür. Mein Nachläufer fiel schnell zurück. Ich sprang und hüpfte die letzten 150 hm hinunter. Wurzeln wurden ignoriert. Die Stöcke waren mein zweites Beinpaar. Ich „flog“ den Weg hinunter. Die NAO musste mit über 300 Lumen unterstützen … es war taghell auf dem Trail.

Die letzten Meter  ... am Sonntag danach. Bei Tageslicht.

Die letzten Meter … am Sonntag danach. Bei Tageslicht.

IMG_1334Eine Straße wurde erreicht, eine Unterführung passiert. Gelbe Pfeile wiesen den Weg. Ich sah die Seilbahnstation zur Aiguille de Midi. Wieder eine Unterführung. Ich musste hier einen Freudenschrei loswerden. Beifall begleitet ihn. Ich erkannte unsere kleine Ferienwohnung. Passierte die Bahnschienen. Es war nicht mehr weit. Zahllose Male war ich diesen Weg bereits gegangen. Jetzt lief ich ihn. Mehr als 20 Stunden waren seit meinem, unserem Aufbruch am Morgen vergangen. Es war bereits nach 00:00 Uhr (zum Zeitpunkt hatte ich keine Ahnung). Dennoch streckten sich mir immer wieder klatschende Hände entgegen. Es war wieder da, dieses Gefühl nach einem großen Lauf. Klar wurden da die Augen nass. Das muss so!!!

Danke an Anne und Björn für den Support

Emotionen pur … Wieder mitten in der Nacht … wieder kullerten die Tränen … Kopfkino. Danke an Anne und Björn für den Support

Ich bog in die Zielgerade ein.- Da war sie. Die kleine Kirche mit dem Zielbogen davor. Die letzten Meter sah ich nichts mehr, hörte nichts. Genoss es einfach nur. Zieleinlauf in Chamonix. Endlich wieder.

Nach

20:21:30 Stunden

hatte ich mein härtestes Rennen absolviert. Ja, es ist sehr, sehr anspruchsvoll. Und nur 700 Läufer konnten es in diesem Jahr schaffen. Über 90 Kilometer lang war ich 5800 Meter hoch und 5800 Meter runter gestiegen.

Der Lohn der Mühen

Der Mühen Lohn

Am Abend des Laufes die immer gleiche Antwort … Und heute … Ist er zu stark, bist du zu schwach. Ich komme wieder, ich werde wieder hier laufen. Diese Strecke und ich werde besser vorbereitet sein. Jetzt, wo ich dich keine, du Tier. Im Ziel dann meine lieben. Am Ende wird alles gut. Nur durchhalten muss man alleine 😉

Hier die Strecke: Mont-Blanc-80k  – Hier gibts die Resultate: 80km_2015 (Startliste: Startliste MB80k_2015) – Von den wenigen deutschen Startern (12) haben es nur 3 geschafft. Respekt an Simone (6660) 😉

Hier das Video vom Startgewusel und dem Zieleinlauf.

 

Unglaublich, was der alte Sack hätte leisten können.

Nur fürs Gemüht, mehr Wert hat es nicht

Nur fürs Gemüht, mehr Wert hat es nicht

2 Kommentare:

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