Transvulcania 2019 oder was am Ende noch bleibt, von einem Ultratrail

The day after Vertikal hieß für mich. Hotelwechsel. Meine kleine Luxusherberge tauschte ich geben ein Sachenabstellappartement. Zumindest preislich war es eine andere Kategorie na und natürlich entsprechend eingerichtet. Es war zweckmäßig, hatte Meerblick und befand sich im obersten Stockwerk. Höher geht’s in ganz Los Cancajos nicht. Ich wars zufrieden. Der Freitag vor dem großen Rennen, dem Ultra Trail über 75 km (8500 hm kumuliert), war planlos. Urlaub als Faultier, sozusagen. Ich weiß nicht mehr wirklich, was an diesem Tag weltveränderndes passierte.

Der Abend neigte sich und der Wecker war auf 2:30 Uhr gestellt. Direkt neben meinem Hotel fuhren die Shuttlebusse zum Faro de Fuencaliente, wo um 0600 der Lauf mit viel Hallo und saustark lautem „Thunderstruck“ auf die Inselreise geschickt wurde.

Wie so oft war an Schlaf nicht zu denken. Also beendete ich um 0200 das Leiden und schlüpfte in die bereitgelegten Lauflümpchen, genoss ein ausgiebiges Frühstück und war dann viel zu zeitig am Bus. Bereits 10 min vor Abfahrtszeit. Egal. Hatte heute eh nichts weiter geplant. In der Hand trug ich den Dropbag für den Muchachos, der nach ca. 52 km erreicht wird und den mit den Wechselsachen fürs Ziel.

Getrennte Aufkleber an jedem Beutel. Dabei ist es völlig Hupe, welcher woran kommt. Denn schließlich nehmen beide Beutel den gleichen Weg über den höchsten Berg der Insel. Verstehe einer die Palmeros.

Am Faro angekommen wandert man noch 1 Kilometer die Straße hinab, um dann an den beiden Leuchttürmen der Dinge zu harren, die da nicht passieren. Die Uhr zeigte 4:30 Uhr. Aus diversen Gründen geht es eben nicht anders, wenn 2000 Starter von unterschiedlichen Shuttlestartorten an das Nadelöhr der Insel gebracht werden müssen. So hat man Zeit, die Wichtigkeiten zu erledigen. Ich lud erst mal meine Stirnlampe auf, die ich seit der Longstage in der Wüste nicht mehr am Strom hatte. Wo hat der Kerl nur seine Gedanken? Aber zwei Uhren an den Armen. Kunden laufen hier umher, kann ich euch sagen.

Auch mein neu erworbenes rotes Rücklicht fand ich nicht. Problematisch zählt es doch zur Pflichtausrüstung.

Diese wurde in diesem Jahr wirklich gleich an drei verschiedenen Punkten auf dem Weg ins unmittelbare Startareal kontrolliert. Ich stand dann um 5:30 Uhr hinter dem großen Luftballon und verfolgte die Minuten bis zum Start an der großen Uhr direkt am Felsen links neben uns. Meine Stirnlampe war inzwischen für 1:45 h geladen, wie mir die App sagte. Das rote Blinklicht blinkte wie verrückt, also das meines Nachbarn. Das musste reichen.

Wie ich einen Tag später feststellte, hatte ich die rote Funzel wohl dabei, aber nicht am Rucksack befestigt, wie das ja alle machen, sondern im Hauptfach von Regen, Sturm und eventuellem Schneefall geschützt. Also war ich regelkonform unterwegs, mit roten Blicklicht und hinten war es auch. Puhhh, das war knapp.

Die Temperaturen in diesem Jahr am Faro recht angenehm. Ich schätzte um die 12-13 Grad. Und besonders windig war es auch nicht. So ergeht es einem, wenn man eine winddichte Jacke mit Kapuze einpackt und zur Sicherheit noch den salomonischen Hauch einer Laufweste.

Die Felsenuhr zählte immer langsamer, je näher wir der Startzeit kamen. Dann endlich war es so weit. Knapp 2 Minuten vor der offiziellen Startzeit wurden die Rock ‘n Roller aus Downunder auf die Boxen gegeben. Wenn der „Thunderstruck“ durch die Salinen knallt, ist auch der letzte wach. Es geht los. Die letzten 10 Sekunden werden laufstark von allen heruntergezählt. Gänsehaut auf der Haut. Ja, so war das. Transvulcania. „Schalten sie ihre Frontlampen ein“ unterbricht immer wieder die Bässe aus den Boxen.

Die Stimmung ist so gigantisch. Hammer … es geht los. Schnell quetschen wir uns durch den Zielbogen und alles rennt, als gäbe es kein Morgen. Erst ein kleines Stück bergan. Die Zuschauer, meist mitgereist Familienangehöriger und natürlich auch schon Halbmaratonis, die eine Stunde nach uns starten. Eine großer staubige Runde „um“ die Lighthouses. Und es geht die Straße hinauf. Asphalt, Asphalt, hinauf und viel zu schnell. Den ersten Kilometer lief ich irgendwas im 6: xx min Tempo. Ihr Irren. Ich irrte mit. Was will man machen. Je schneller man anfangs in die Strümpfe kommt, um so weniger muss man sich bei der Einfädelung auf den Trail anstellen. Dieser kam in diesem Jahr nach gut 2 Kilometern, den ich in 7: xx min/km lief. Mach langsam. Ich wollte nicht anstehen! Und ich stand kaum an. Vielleicht eine Minute dauerte es, bis wir im Gänsemarsch den nächsten Kilometer absolvierten. Nach gut 3 Kilometern hat das gänsegemarsche dann auch ein Ende und es entsteht eine gepflegte Lauferei im feinsten Labili. Nach 4 Kilometern wird der jüngste Vulkan, der Teneguia erreicht und nun kann man frei laufen bis km 7. Immer schön gemächlich ansteigend. Ich war sehr positiv überrascht, dass ich in diesem Jahr die komplette Piste unterhalb des San Antonio durchlief. Was war los? Habe ich das letzte Mal … keine Ahnung wann getan.

Der stürmische Wind, der uns die ersten 3-4 Kilometer begleitete hatte sich gelegt oder wehte von einer nichtspürbaren Seite. Ich war gut am Laufen. Die Stöcke sicher am Ultimate-Laufrucksack festgezurrt. Hier durfte keiner am Stöckchen gehen: Polesverbot bis zum ersten CP in Los Canarios an der Kirche.

Irgendwann hat auch die beste Piste mal ein Ende und heute war dies bei mir nach einer Stunde soweit. Ich war überrascht, wie schnell wir vorankamen. Auch der staubige Aufstieg an der Westseite des San Antonio ging relativ stau arm zu Ende. Immer mal wieder ein Übermotivierte Läufer auf den hinteren „Banken“, der zur Eile mahnte. So sind sie, es bummeln und dann schreien.

Während die Spitzenläufen sicher schon am San Martin rumrutschten erreichten wir die Asphaltstraße von Fuencaliente. Viele „Schlachtenbummler“ säumte den Weg und gaben uns zu verstehen, dass wir alle, jeder Einzelne die Superhelden waren. Es sollte noch eine Weile vergehen, bis wir den Checkpoint erreichen sollten. Mir gelang dies nach 1:25 Std. Ich war sehr froh, „so schnell“ am VP zu sein. Mein roadbook gab eine Maximalzeit von 1:35h vor, wollte ich die Cutoffs in El Pilar und am Roque de Los Machachos schaffen.

Sicherheit, gleich zu Beginn des Tages. Ich war sehr beruhigt, ein wenig euphorisch sogar ob des guten Startens in den Tag. Am CP wurde die entleerte Flask aufgefüllt und die Poles vom Rucksack genommen. Schnell waren sie einsatzbereit und es ging den gepflasterten Weg hinauf zur Verbindungsstraße. Hier konnte dann wieder gelaufen werden. Die nächsten gespeicherten Zwischenzeiten checkte ich nicht mehr wirklich gegen mit dem roadbook. Verrückt machen kann man sich später noch genug. Der Tag war noch jung und der Weg war noch weit.

Ich war gut unterwegs, wenngleich mich viele Läufer überholten. Dies bereitet mir nicht wirklich Kopfschmerzen. Ich ging das Tempo, was möglich war und ich als ausreichend einschätzte. Immer wieder laufbare Passagen in diesem Abschnitt voller Staub, Lava, Geröll und Kohlendreck.

Meine übergezogenen Strümpfe, die das Eindringen des feinen Staubes ins Meschgewebe verhindern sollten waren an den Spitzen völlig wirkungslos geworden. Das neue Paar, was im Rucksack schlummerte sollte sich noch eine Weile ausruhen.

Der nächste Punkt, wo ich eine Zeit im Kopf hatte, war der Aufstieg zum San Martin. Hier waren ca. 13 km erreicht und das sollte ich nach 1:25 Stunden + 1:06 Stunden erledigt haben. Oh. Das war es nicht und ich war selbst mit den Sicherheitszeit von 1:35h von die erste Komponente schon daneben. Was war los. Bereits unterwegs hatte ich das Gefühl, dass ich pro Kilometer ca. 1 min auf die musthavetime verlor. Dies bestätigte sich nun hier. Ich zückte mein roadbook und checkte die nächste Zwischenzeit. „Aussichtspunkt San Martin oben“ mit 3:07 Stunden. Ach du liebe Güte. Das sah schlecht aus. Ich hatte auf den ersten 6 Kilometern nicht nur meinen Vorsprung auf dem ersten Abschnitt eingebüßt, sondern auch noch lange gebracht, die folgenden Kilometer hinauf zu steigen.

Dabei fühlte ich mich gar nicht schlecht. Ich war stetig am Tun, nichts fühlte sich schlecht an. Ich war einfach „nur“ zu langsam. Getreu dem Motto, nur nicht verrückt machen lassen sockte ich weiter. Der nächste Mentalpunkt waren die Deseadas, wo ich nach spätestens 4h (OBEN) sein musste. Insgeheim hatte ich mir eine frühere Ankunftszeit erwünscht, um die verbleibenden 7 Kilometer nicht ganz so hetzen zu müssen. Immerhin waren da im letzten Jahr zwei 5:30 min/km Abschnitte dabei. Ich merkte schon beim nächsten größeren Labilifeld, wir stiefelten nun im losen, gerölligen Kohlendreck umher, verlor ich 3 min auf den Kilometer zur Trainingszeit. Scheibenkleister? Was war da los. Ignorieren konnte ich das nicht mehr. Tempo forcieren? Fehlanzeige. Ich war zwar stetig unterwegs, doch die Schrittlänge offensichtlich zu kurz, die Trittfrequenz offenbar auch zu langsam.

Also einfach mal ein Stück schneller rennen. Leider war dies keine Option. Ignorieren der Themen ging nicht, schneller ging nicht. Von den Deseadas brache ich eine Stunde. Wenn’s so weiter geht, bin ich nach 4:15 Std. da oben. Dann bleiben noch 45 Minuten. Also 6 min/km Tempo. Geht gar nicht. Denn ein paar leichte Wellen waren ja auch noch zu nehmen. Langsam freundete ich mich mit dem Gedanken an, dass mein momentaner Leistungsstand in keinem Fall ausreicht, hier über die kompletten 8500 Höhenmeter zu gehen. Sollte ich auf Krampf in El Pilar am Cutoff vorbeisegeln. Keine 28 Kilometer später wartet der nächste und was meine relativ untrainierte Bergmuskulatur nach 4100 Höhenmetern Anstieg sagen würde? Kein Risiko. Das wird heute nix. Ich versuchte einen Anruf bei der Homebase. Kein Netz.

Ich beschloss nun, das Ding in den sicheren Cutoff zu laufen. Dafür aber ordentlich und mit Anstand. Also wurde bergan noch ein bissl mehr gebummelt, dafür aber in der Ebene und im Downhill vernünftig gelaufen. Ich wollte mir das Ende so schön, als möglich machen. Spaß am Laufen war ab nun oberste Priorität. Und den Spaß gab es wirklich, wenn fortan auch nur im Downhill.

Nach 18 Kilometern erreichten wir den 2. Checkpoint. Den Deseada Aufstieg schon im Blick gab es hier alles Flüssige, was es braucht. Ich füllte meine beiden Flasks wieder auf, die ich in den bereits vergangenen 4 Stunden zweimal geleert hatte.

Nun galt es, die Schutthalde zur Deseada 2 in Angriff zu nehmen. Recht zügig kam ich oben an. 4:16 Stunden zeigte die Garmin für die ersten 19 Kilometer. Alles nach neuem Plan. Nachdem Plan C gescheitert war, hieß der neue Plan: Genieße es, hab Spaß an dem was du tuest.

Oben angekommen war viel Leid hinter mir. Aber auch die schnellsten der schnellen vom Halbmarathon hatten uns seitdem San Martin (km 13) gezeigt, dass es durchaus Menschen auf diesem Planeten gibt, die hier komplett durchlaufen. (Noch) Unglaublich.

Der folgende Downhill dann ein wirkliches highlight der gesamten Vulkanroute. Kam grober Fels erlaubt einen wirklichen Flow zwischen die nächsten beiden Vulkane. Schnell noch ein Anstieg, hinter zum San Joan und dann sieht man endlich die Caldera. Wolkenloser Himmel bot einen wunderschönen Blick auf die Komplette Caldera mit dem Pico Bejenado vorn dran. Man kann sich gar nicht satt sehen an diesem Anblick. Rechts und links des Kammes, über den wir nun liefen, Wolken ohne Ende in Sicht. Also hinunter in den Wald. Noch gut 5 Kilometer waren zu laufen und die waren dann wirklich angenehm. Zwischendurch dann doch noch ein Telefonat mit dem zuhause.

Tatsachenvermittlung, mehr war eh nicht mehr zu reißen. Ich lief, was ich laufen konnte. Nach 5 Stunden, dem erreichen der Cutoffzeit hatte ich noch 2,5 Kilometer vor mir. Das sollte reichen für ein sicheres Überschreiten der Sollzeit. Einige Ultras in meiner Nähe teilten mein Schicksal. Immer wieder aber überholten uns auf freudeüberströmte Halbmarathonis, die eigentlich sogar 2 Stunden länger Zeit hatten, den Zieleinlauf zu genießen.

Ich genoss ich nach 5:26 Stunden. Der Fressstand bereits abgebaut. Doch die Halbmarathonis gaben den gestrandeten Ultraläufern gern. Ab. Ich fühlte mich gut, nichts schmerzte, keine Blasen oder Wehwehchen. Ich hatte meinen Frieden mit diesem Tag gemacht und ließ den Tag im Start- Zielbereich, zu den uns Shuttlebusse brachten, versöhnlich ausklingen.

Ich erlebte die erste Frau, meine Favoritin und Wüstenkollegin Ragna Debats, die in überragender Form den Streckenrekord knackte (aber auf neuer Strecke!!!!). Auch Plätze 2 und 3 mit Klassezeiten. (Siegerzeit Frauen 2018: 8:49h !!!).

Thats Trail Running, thats transvulcania. Gut vorbereitet, kann man das Ding schaffen. Sehr gut vorbereitet auch mal in 12:06 h 😉 Ansonsten aber ist es ein großartiges Erlebnis gewesen, wenn gleich die gebackenen Brötchen etwas kleiner ausfallen mussten.

 

Ergebnisse Veranstalter: Ergebnissse Transvulcania 2019 Transvulcania (offizielle website Veranstalter)

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