30. Horizontale rund um Jena – immer noch, wie beim ersten Mal.

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Seit meinem ersten Kontakt mit der Toskana des Ostens im Herbst 2008 hat die Horizontale-Wanderung rund um Jena einen festen Platz in meinem Terminkalender. Zuvor gilt es noch, den 01. März nicht zu verpassen. Dann erfolgt nämlich die Anmeldung und der Anmeldeschluss wird von Jahr zu Jahr früher erreicht. Man rechnet mittlerweile in Stunden, bis die 1000 Startplätze für die 100 km vergeben sind.

In diesem Jahr war ich nicht in der Nacht wach geblieben oder doch. Auf alle Fälle gab es nur die Startnummer, die eine Karte mit RFID-Chip ist. Ich war Nummer 542. Eine Glückszahl, oder? Eine Glückszahl. In diesem Jahr erhielt die Wanderung, die ich zum vierten Mal laufend zurücklegen wollte, einen besonderen Stellenwert im „Trainingsplan“. Nach den beiden Ultras auf Mallorca und der Transvulcania auf der Isla Bonita war es der 3. Vorbereitungs-Ultra für mein ganz fettes Ding. Den Marathon du Mont Blanc 80k, der am 26.Juni starten wird. Der Formaufbau ging ganz gut voran. Trotz verspätetem Start in die „Saison“ zeigten die Messwerte nun endlich (!!!) nach oben. Neben den langen Läufen, die es nach der Transvulcania gab wurde auch die ein oder andere Tempoeinheit gelaufen. Ja ich rannte schneller, als gut für mich ist 😉 Ich war hoch motiviert, wild entschlossen und wenn Formtest ein Plan ist, dann hatte ich auch diesen.

Laufzeiten 2011, 2014

Laufzeiten 2011, 2014

Bereits die beiden Wochenenden zuvor verbrachten wir in Jena. Somit war ausreichend Gelegenheit, die vorhandene Streckenkenntnis, die man nach 5 erfolgreichen Teilnahmen dann wohl hat, noch einmal aufzufrischen, ein paar Höhenmeter in die Beine zu bekommen und das Verlaufen im Training und nicht am Wandertag zu absolvieren. Was mir auch gelang 😉 Während meine erste Horizontale eine Wanderung bis km 43 im Team war und dann allein beendet werden musste, gingen wir 2010 bereits zu dritt auf die große Wanderschaft. Und haben auch alle gefinisht. 2011 folgte dann mein erster Lauf. Gleiches versuchte ich auch in 2012, doch dort begann mein fast zwei jähriges Leider am linken Fuß. Distanzen über den Marathon hinaus waren eher weniger auf der Tagesordnung. Dennoch finishte ich die Horizontale irgendwie … gesundes „Laufen“ sah anders aus. Und auch 2013 war ich noch nicht in der Lage, 100 km am Stück zu rennen. Da in diesem Jahr das schwere Hochwasser die Traditionsveranstaltung verhinderte, war wenigstens der streak nicht in Gefahr 😉 Somit ging es 2014 gemeinsam mit meinem Lauffreund Ulf an den Start und wir finishten erfolgreich auf Platz 2 und 3. Es sei bemerkt, dass es bei einer Wanderung nicht um Platzierungen geht. Trotzdem gibt es nicht wenige Ehrgeizlinge (Zitat Inge), die das Ding versuchen zu laufen.

In diesem Jahr sollte wieder eine Solotour folgen. Bereits am Donnerstag reiste ich an. Ausgeruht konnte ich so am Freitag morgen die letzten Vorbereitungen treffen. Den Start gegen 18 Uhr sollte ich so auf keinen Fall verpassen. Eine kleine Wanderung zum Haeckelstein, wenn man schon mal in der Nähe wohnt war darin eingeschlossen. Überpünktlich war ich dem zur Folge im USV-Sportgelände präsent. Verfolgte die Vorbereitungen gelassen und konnte dennoch meine Anspannung schwer kontrollieren.

Blick vom Haeckelstein

Blick vom Haeckelstein

Der Wuselfaktor nahm zu. Immer mehr Wanderlustige füllten den Rasen vor der Anmeldung. Die Sporthalle füllte sich mit Sachenablegern. Auch ich schlüpfte endlich ins Raceoutfit. Die Sachenfrage nach den Wetterprognosen nicht so kompliziert. Dennoch gehörten Wechselsocken, regendichte Socken und ie wasserdichte Bonatti in die 3 Liter SLAB-Weste. Hinzu kamen jede Menge GELS, Riegel und Tubennahrung. Die Nacht war lang, der Weg weit und die Verpflegungspunkte aufs Wandertempo abgestimmt. Da musste man als Läufer schon ein bissl selbst mitarbeiten. Dennoch entschloss ich mich, nur 0,5 Liter Flüssigkeit mitzunehmen. War es ein Fehler, auf die Flask oder eine zweite Trinkflache zu verzichten? Die Antwort lag in der Stille und Dunkelheit der Nacht. Zwei Stirnlampen komplettierten die Ausrüstung auf meinem Rücken. Auf Trailstöcke hatte ich bewusst verzichtet. Bei 2400 Höhenmetern und der technischen Schwierigkeit der Trails für mich nicht wirklich notwendig. Hieße auch, mindestens 5l „Bärbel“ mitschleppen. No.

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Alleine sein. Das sollte mir im Verlaufe der Nacht noch öfter passieren

Fast pünktlich wurde das Hauptfeld auf die Reise geschickt. Wenige läuferisch gekleidete verblieben auf dem Rasen, als sich 20 Minuten nach dem Startsignal der letzte Wanderer auf die Strümpfe begeben hatte. Ich kehrte vorerst in die warme Halle zurück. Wohl wissend, dass der Start bis 19 Uhr möglich war. Ein letztes mal die Ausrüstung gecheckt, die Lampen geprüft und doch die kleine Windjacke wieder ausgepackt. Schließlich ging es 10 Minuten vor sieben in Richtung Start. Nur noch wenige Läufer waren verblieben, bevor Inge, die ehemalige Gesamtleiterin, Webmasterin eine der vielen guten Seelen der Veranstaltung zur Eile rief. Kurz nach 19 Uhr hielt auch ich meine RFID-Karte an die Riesenantenne. Und dann ging sie endlich los. Die 30. Horizontale, mein 6. Start in Folge und ich lief allein. War froh darüber. Die Kopfhörer übertrugen den Takt aus meinem MP3-Player. Startmusik des TDS war eingelegt. So muss ein Lauf beginnen.

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Noch auf der Laufbahn, die wir seit letztem Jahr benutzten, um den unmittelbaren Startbereich zu verlassen, fand ich in meinen Rhythmus. Der erste Körpercheck nach dem ersten Kilometer, die Fenix meldete pünktlich. Alle verdächtigen kooperierten. Das linke Knie, der ewige Querulant beim Gehen und Bestfriend beim Laufen muckerte auch nicht. Rechte Hüfte ohne Befund und auch rechte Knieinnenseite makellos. So musste es sein und so sollte es bleiben, verdammt lange. Doch wie lange? Es ging zunächst auf Asphalt nach Wöllnitz hinüber. Auf großer Runde durch den Ort zum Pennickental hinauf. Hier dann die ersten moderaten Anstiege. Nicht dickes, alles locker zu traben. Die Muskulatur begann zu durchbluten. Es lief sich gut ein, die ersten 5 Kilomter bis zum Fürstenbrunnen. Natürlich wurden hier die ersten (oder bis dato letzten) Wanderer bereits erreicht. Die breiten Wege brachten Platz für alle. Der Schlachtrufe nach freiem Weg und Wünsche für eine gute Wanderung konnte ich noch für mich behalten.

Dies sollte sich bald ändern. Zunächst ging es leicht ansteigend auf die mittlere Horizontale hinauf. Die nun folgenden 65 Kilometer kannte ich, wie meine Westentasche. Oder eher ganz gut, war ich sie erst vor einer guten Woche das letzte Mal gelaufen. Ein riesen Vorteil. Sowohl Tempo als auch kraftsparende Passagen waren noch gut in Erinnerung geblieben. Die erste Schlange wurde erreicht und der bitte nach freiem Weg durch dezente (oder eher bestimmte) „Vorsicht Läufer, bitte“ wohl wollend Platz gemacht. Ich debankte mich höflich. Gleichfalls das Signal für die nächsten (gefühlten) 100 Schlangen, die es noch zu überholen galt. Niemals gab es Murren oder Klagen. Ich bedankte mich und wünschte noch eine erlebnisreiche Wanderung. Danke, ihr Wandergesellen. Ich hoffe, ihr habt euren Traum wahr gemacht.

IMG_20150529_195409Einige wenige Stellen zwingen zum wandern. Zu gefährlich, an den zum Teil nur nur zwei Fuß breiten Passagen zu überholen. Hey. Es war ein Ultratrail. Hier fightet man nicht um Millisekunden. Ein Blick auf das Jena bei Sonne ein Augenschmaus. Der Weg verbreiterte sich und die Stimme bestimmte das Lauftempo. Nach gut 10 Kilometern war das Extremüberholing vorbei. Die Wege wurden breiter hinauf zum Steinkreuz. Als dieses erreicht auch die gefühlt ersten 800 Wanderer überholt. Ein Wahnsinn. Doch man tut es, um soviele Verpflegungsstellen, wie möglich zu erreichen. Doch heute war ich extrem flott unterwegs. Bereits die ersten 21 km hatte ich in knapp 2 Stunden absolviert, wie ich aber erst später in der Ergebnisliste sehen konnte. Mann hat es aber nicht immer in der Hand. Wenn überholt werden kann, muss man Gas geben. Und heute konnte scheinbar gut überholt werden. Am Verpflegungspunkt in Wogau schnappte ich mir lediglich einen Becher Wasser, den ich bis zum nächsten „Anstieg“ durch die Ortslage trug. Zu Essen fand ich nicht passendes auf die Schnelle. Hatte ja die Laufweste voller Leckereien.

IMG_20150529_200558Recht zügig erreichte ich Wogau und somit den ersten langen Anstieg. Knapp 170 hm werden auf dem nächsten Kilometer zurück gelegt, um das Natirschutzgebietz Jenzig und Hufeisen zu erreichen. Ich hatee diesen Anstieg die Woche zuvor auf zwei Arten genommen und entschied auf die kraftsparende. Auf die Knie gebeugt ist man recht flott über die bis zu 26% Steigung hinweg und kann anschließend gepflegte 5 km in der Ebene Laufen. Fast das gesamte NSG wird durchquert, bevor man die Ruine der Kunitzburg erreicht. Mitttlerweile war es etwas dämmerich und im Schutze des Waldes stock dunkel, den wir vermaßen. Ich hatte auf dem recht ebenen Fahrweg die Petzl Tikka Plus auf den Kopf geschnallt. Die knapp 70 Lumen reichten aus, die Waldautobahn auszuleuchten. Akku sparen für die großen Trails hieß die Devise. Und so konnte ich auch noch den abschließenden Downhill, wieder eine Gruppe Bergabrennwanderer überholen. Die Sichtverhältnisse dennoch schon kritisch.

Endlich war Kunitz erreicht und die ersten 30 km waren absolviert. Ging schnell und flott. Nichts schmerzte. Die 6 mm Sense Mantra 3, die ich am Fuß trug bewährten sich bis hierher, trotz Gerölllage, recht gut. Auch der Downhill wurde ungebremst absolviert. Es galt sich, auf der nun folgenden ebenen Strecke für die lange Laufnacht mit Stirnlampe vorzubereiten. An essen dachte ich immer noch nicht. Sicher hielt der fette Eiskaffee vor Vormittag noch vor 😉 Ich verstaute Visor und LittlePetzi in der Weste und gab dem Bufftuch meinen Kopf und der Petzl NAO eine Chance, die programmierte Batterielebensdauer von 7,5 h unter Beweis zu stellen. Recht schnell kam ich wieder ans Laufen. Die Wetterlage immer noch stabil. Der vorhergesagte Regen fand erst einmal nicht statt und ich konnte, trotzdem es bereits nach 22 Uhr, stockdunkel war, kurz/kurz laufen.

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Blick auf Burgau

Vor mir eine schneller Wanderer, ein sehr schneller, den ich dann auch im Rosental, wir verließen Zwätzen so schnell, wie ich es erreichte, aus den Augen verlor. Auch hier hinauf ging es meist kraftsparend. Auch hier zeigt die Fenix bis zu 20% Steigung. Doch es ist meist ein sehr kurzes Leiden. Bis zum Rautal folgt nun ein recht entspannter Abschnitt. Mann ist stehts am Laufen, ab und ein ein paar Wurzeln und Steine, die den Beobachtungssinn wachhalten. Mit 180 Lumen alles nichts dickes, wenn man sie denn zur Verfügung hat. Zu schnell erreichte ich das Rautal mit seinen bizaren Felsformationen. Einmal durchs Bachbett und schon war die Straße gequert, die zum Historischen Schlachtfeld von 1806 führte. Meine Schlacht war heute die rot-weiße-Markierung, die mich nun ganz fett ansteigend zum Landgrafen hinauf führen sollte. Der letzte große Anstieg bis zur Papiermühle. Kilometer 43 wird hier erreicht und der Löwenanteil der Anstiege ist dann auch schon geschafft. So mein Mantra. Dort würde es lecker zu essen geben, die Zwischenzeit genommen und kanpp die Hälfte des Rennens war Geschichte. Die Strecke wieder bekannt. Auch einige kritische Stellen waren von den Tagläufen noch gut in Erinnerung. Ich wünschte ab und an ein nachleutendes Flatterband. Die Wegmarkierung nicht immer sooo eineindeutig, als Ortsfremder.

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Wogau. Der erste große Anstieg steht bevor.

Der erste dicke Anstieg, Omi war heute nicht da wie am letzten Sonntag, war gemeistert und nach ein wenig Beine lockeren folgte der zweite auf dem Fuße. Immer wieder las ich Entfernungsangaben, die schnell kleiner wurden und ehe ich mir unnötige Gedanken machen konnte, war auch schon die Zufahrt zum Landgrafen unter den Füßen. Auch hier die Wegführung etwas knifflig. Aber das macht eine Wanderung aus, auch mal nach dem Weg zu suchen, eine Karte bemühen … Ich wusste Bescheid und sah bereits die Papiermüle unter mir, als ich den finalen Downhill, kurz vor dem Treppenabstieg erreichte. Wieder ging es ungebremst nach unten. Und es tat gut und nichts schmerzte. Ein gutes Zeichen, das Hoffnung machte.

Kurz vor Ankunft hatte ich gerätselt, nach welcher Zeit ich denn ankommen würde. 5 Stunden oder länger. Ich hate nicht wirklich eine Vorstellung. Da ich mich ausgezeichnet fühlte, musste es über 5 Stunden sein. Überrascht, als ich auf eine Helferuhr sah und 23:46 Uhr ablas. Das war schnell, das war sogar zu schnell. Die Zeitnahme war noch nicht da. Dafür aber gab es Essen und leckeren Tee für meine Trinkflasche. Der nächste VP würde am Wanderheim in Leutra sein. Keine 22 km entfernt. Bis dahin sollte die Flüssigkeit reichen. Auch hatte ich mir am Vormittag bei meiner Wanderung zum Haeckelstein ein kleines Getränkefläschchen deponiert. Belohnungsdepot, sozusagen. Es würde ungefährt zur Hälfte der Distanz erreicht werden.

Wieder verabschiedete ich mich recht schnell vom Verpflegungspunkt. Viele Läufer oder Speedhiker oder Bergabrunterrennwanderer waren hier versammelt. Ich setzte einen Tweet mit meiner Ankunftszeit ab. Nicht das ich die Zeit später dann falsch ansage. Muss man nicht haben und wanderte die Asphaltstraße in Richtung Bismarkturm hinauf, den man leider nur „streift“. Schnell war ich oben und es konnte wieder zügig geflitzt werden. Die Waldwege breit und gut zu laufen. Meine Verläuferstelle der vergangenen Woche auch gemeistert und richtig abgebogen. Recht flott erreichte ich die gesplittete Zufahrtsstraße, der nun fast 1,5 km downhill zu folgen war. Zeit, mal in sich hinein zu hören. Es gab nichts zu hören. Und ich ah nach meinen letzten beiden Überholungen auch kein Licht mehr. Stimmen gab es auch keine. Hmmm. Es war still im Wald. Ich war allein unterwegs. Gruselig, die Vorstellung.

Bevor ich auf dumme Gedanken kam war der Split zu Ende und es ging auf immer schmaleren Wegen weiter. Nach Überquerung des Schottplatzes (gefährliche Verlaufstelle mit Stadtanbindung) erreichte ich die Infotafel am Haeckelstein, wo meine Belohnung wartete. Ja, sie war noch da und ich genoss diesen Augenblick. Worauf man sich so alles freut, nach knapp 6 Stunden Lauf. Ich hatte die Halbzeit erreicht. Jetzt ging es abwärts ein böses Stück Straße für den Ersttäter. Ein geiles Stück Trail für den Eingeweihten. Wir sausten nach Ammerbach hinunter. Immer wieder saugte ich an meiner Colaflasche. Genau das richtige für die frühen Morgenstunden. Es wurde zügig gelaufen. In meiner Vorstellung ging es bis auf ein paar kleinere Anstiege jetzt eh nur noch bergab bis km 70, bis wir Maua erreichen sollten. Natürlich war dem nicht so. Aber es half. Mantras sind wichtig. Und wenn der Drang zu gehen hervortrat, half mein „Hauptmantra“, dass da 7200 hieß. Die Anzahl an Höhenmetern, die ich in 4 Wochen am Mont Blanc laufen darf. Das half immer, jedenfalls fast bis zum Fürstenbrunnen. 7200 und es wurde hinauf getippelt.

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südlicher Teil der Jenaumrundung

In Ammerbach schlug dann die Uhr eins. Es folgte die Ortsdurchquerung und der nächste Anstieg nach Cospoth. Nahe des Fernsehmastes, der aus allen Richtungen sichtbar über Jena trohnt, wird hier der höchste Punkt erreicht. Auch den Schotterweg hinauf wurde komplett durchgelaufen. Ich hatte einen guten, kraftsparenden Schritt gefunden, der speedhiken überflüssig machte. Es war eine Wohltat. Und ich genoss nach knapp 55 Kilometern mein erstes GEL. Das war lecker. Das war Abwechslung. Eine kleine Lichtung in dem einsamen Laufen in immerhin mondbeleuchteter Nacht.  An die technische Station des Jagdbergtunnels (Autobahntunnel hinter Jena Richtung Apolda) kann ich mich nicht mehr erinnern. Hab die Lichter dann nur noch irgendwie im „Rückspiegel“ gesehen. War mal wieder im Tunnel, sicherlich. 🙂 Der Weg verließ den Asphalt und stürzte sich ins Leutratal hinab. Am Insektenhotel vorbei ging es hinauf zur Mühle Bucha, wo ich erstmals nach Wasser suchte. Und fand. In einer Regentonne. Algen versetzt. Nein danke. Dann eben Wasser aus der Luft gewinnen. Schnappatmung ? soll ja helfen 😉 Meine Vorräte waren fast aufgebracht, als ich km 60 erreichte. Noch 5 km bis zum Wanderheim Leutra. Dem 3. Verpflegungspunkt. Ich hoffte, dass die Helfer schon dort waren. Wobei es im Bach die Möglichkeit von Trinkwasser gab. Ich hatte es zumindest schon mehrfach getestet und für trinkbar empfunden. Zunächst aber ging es nach Pösen hinab. Hier hörte ich wieder eine Uhr, die 4 mal schlug und anschließend zwei oder dreimal. Ich weiß es nicht mehr. Ich hoffte zweimal.

Nachdem ich bei km 43 so flott war hatte ich natürlich erste Hochrechnungen angestellt. Und den Ermüdungsfaktor eingerechnet eine Zeit um die 12:15 – 12:30 Std. für möglich gehalten. Ja, Mann rechnete ein wenig. Am VP 4 hatte ich so um die 10:15 Std. trailkalkuliert. Dann würde es eh hart werden, weil ich die Strecke nicht mehr so genau kannte. Auch erst selten gelaufen war, in dieser Richtung und das vor sehr langer Zeit. Ein Fehler? Ich musste einfach nur konstant sein und die Hügel sauber hoch laufen. Dann gabs nichts zu vertun. Doch wie lange konnte ich das? Noch war alles gut. Keine Schmerzen. Auch die sonst bereits seit Kilometern muckende Hüfte musste nicht mit Salztabletten veralbert werden. Alles war (fast zu) gut. Wenn nichts weh tut, ist es auch nichts, oder? 😉

Ich verließ Pösen in Richtung altem Autobahnparkplatz, passierte die Betonhaufen, die ich bereits am vergangenen Freitag bei Tageslicht bestaunen durfte und hörte entfernt die Leutra plätschern. Es konnte nicht mehr weit sein, bis der Tunnel mit den Getränken und den Schmalzstullen erreicht wurde. Da war er und es gab ganz viel freie Luft zum durchatmen. Das war es dann auch schon. Ich war wesentlich zu früh. Einfach zu flott. Thats trailrunning. Mal läufts, mal nicht. Es lief … Schnell wurde das Smartphone in Datenmodus geschalten. Die Zwischenzeit, es war 2:22 Uhr, vertwittert und weiter gings mit einem Fingerhut voll Tee nach Leutra hinunter. Zunächst verläuft der Kieselweg weit weg vom Bach. Doch irgendwann werde ich ihn erwischen. Nur nicht verpassen. Immer laufen und auf die linke Bachseite achte. Nach „Stunden“, wie es so ist, wenn man auf etwas wartet, zeigte er sich. Wenig später „stand“ ich „im Fluss“ und füllte meine Flasche. Trank mit den Händen zum Becher geformt einige riesige Schlucke. Eine Wohltat. Essen unwichtig, aber trinken … Ich fühlte mich wieder fit.

Mir kamen Lichter entgegen. Die Helfer des VP kamen die Waldautobahn hinauf gefahren. Ein paar Worte wechselten wir. Ein Moped später und einem folgenden Jeep war wieder Ruhe im Wald. Ich war wieder allein. Erstmals war auf der Horizontale keine Autobahn mehr zu hören. Ein Traum. Ich genoss diese Stille. Du und die Natur. That it. War seit Stunden allein. Ich musste wohl der erste sein, so sagte man es mir zumindest aus den Fahrzeugen, die nicht mehr existent waren. Hmmm. Das war krass. Jetzt lauf, Junge. Und ich lief. Das Wegstück einfacher, als am Tage, denn man sieht diese ewig lange Gerade nicht. Fast 5 km zieht sich der Weg bis Leutra. Ehe man vor dem Ort hinauf in den Wald verzweigt. Und hier passierte es dann „endlich“. Ein kurzer Augenblick der Unachtsamkeit, morgens um drei in Leutra und ich machte die Rolle. Warum ich immer rolle, kann ich nicht sagen. Alles war gut. Kleine Blutung am linken Knie. Nix dicket. Einfach ein bissl Mimmiblut.

Ich stellte die Lampe anders ein, trank einen Schluck. Ich glaube, auch mein 2. GEL genommen zu haben und sockte durch den Wald. In meinen Augen war es jetzt schon fast geschafft. km 70 oder so. Nur noch nach Maua hinunterlaufen, durch die Rabenschüssel nach Schiebelau hinauf. Von dort nach Zöllnitz und dann nur noch ein Halbmarathon. 21km sind nicht weit. Das rennt heute doch jeder. Halb ist easy. Meine Mantras funktionierten heute anstandslos und ohne das zweite, widersprechende Ich!!! Nein, es war in Maua, als ich mein zweites GEL verdrückte. Denn am Busbahnhof hatten sie mir extra einen Mülleimer aufgehängt, der die Speisereste bekam. Recht flott war ich durch den Ort gesockt. Nichts los, so mitten in der Nacht. Lediglich an der Bahnschranke. Ja, ich stand morgens kurz nach drei vor verschlossener Bahnschranke in Maua. Ich hatte Zeit, Zeit für die kleine Morgentoilette. Muss auch mal sein, 8 Stunden nach dem los“wandern“.

Einen Güterzog später stiefelte ich auch bereits zur Rabenschüssel hinauf. Hier hatte ich mich vor Jahren mal tierisch verlaufen und war ganz wild in den Felsen hier rumgerutscht. Es soll hier sogar Kletterfelsen geben. Glaube ich gelesen zu haben. Das sollte mir heute nicht passieren und so achtete ich penibel auf jede Markierung. Als nur noch rot-weiß und blau-weiß übrig war, konnte ich mir sicher sein. Der Weg teils sehr technisch. Mann musste aufpassen. Mehrfach hatte ich bereits die Zehenkappe getestet. Ich nahm Tempo raus. Einen Sturz kann man hier wahrlich nicht gebrauchen. Die 3 km bis Schiebelau vergehen dadurch etwas zäh. Auch wenn man das Feld erreicht hat und die berühmte Verlaufstelle am Hochsitz gemeistert hat, heißt das noch nicht, alles gut. Immer wieder muss man hell wach sein, so kurz vor Vier. Ich war es zum Glück. Nahm den ausgeschilderten Weg ohne Umschweife. Auch Schiebelau wurde ortkundig passiert nur ein Auto versperrte mir den Weg. Ich kennt das (oder auch nicht). Dies spärlich beleuchteten Innenräume mit den beschlagenen Scheiben. Ja, sowas gibt es hier rundum Jena. Ich hab nichts gesehen, gab ich den 2 Augenpaaren zu verstehen, die mich aus den Sehschlitzen anstarrten. Ich musste schmunzelt. Sachen gibts. Laufe mal ne Horizontale und du erlebst was … 😉

In Zöllnitz angekommen waren meine Wasserreserven auch schon wieder ziemlich aufgebraucht. Was machte ich nur dauernd damit. Gut. Über 10 km bereits wieder unterwegs. Das machte durstig. Aber ich kannte da ja einen Friedhof in Zöllnitz. Der sollte direkt am Laufweg liegen. Ich irrte durch das vermeindliche Terrain und entdeckte nichts. Es war kein Friedhof und Trinkwasser gab es auch nicht. Schade. Eine Fingerhut Wasser hatte ich ja noch. Hmmm. Dumm. Keine Flask eingepackt zu haben. Aber noch 2 Paar Socken. Aber Socken kannste nicht trinken. Wie mans macht, macht mans verkehrt. Noch knapp 10 km bis zur Sommerlinde, dem letzten VP. Das ist weit. Was solls. Es wird sich schon was finden. Erst mal weiter laufen. Nein, auf diesem Grundstück gibt es auch keinen Wasserhahn. Akribisch scannte ich alle Grundstücke mit meiner Lampe. Es war nichts zu machen. Kurz vorm VP Zöllnitz, verläuft die Runde im Uhrzeigersinn, stoppte das Scannen. Ich war zu weit gelaufen. Also zurück und die untere Straße entlang zur Autobahn. Endlich mal ein Verlaufer 😉

Ich lief am Wasserwerk des Ortes vorbei. Verrückt oder und hatte kein Wasser. Sachen gibts. Also vernaschte ich erst mal ein GEL. Eine Tube, die man nicht mit Wasser verdünnen muss. Irgendwas Flüssiges ist ja auch drin. Unter der A4-Autobahnbrücke hindurch lief ich immer noch in Gedanken versunken ob meiner Wassersituation. Was war das dort vorn. Ich war auf dem Weg nach Ilmnitz. Eine Baustelle? Abgesperrt mit Flatterband? Wie soll ich da durch kommen? Was sperren die das hier ab? Und dort Baumaschinen und Zelte? Ich phantasierte. Was war hier los. Eine Lampe kam auf mich zu. Eine Baustelle mit Stirnlampe. Oh, dort, Getränkeboxen. Eine Mensch in Uniform. Es sprach mich an. „Bist du der erste 100 km Läufer?“. „Du bist der erste, weißt Du, das du ganz viel Vorsprung hast?“ (Wer ihm das wohl gesäuselt hat ;-). Ich schaute auf die Laufuhr. Schaltete auf Gesamtzeit. Sagte, ich sei jetzt 9:05 Stunden unterwegs. „Das sind nur noch 18 km“ sagte er mir. Das ist gut. Ich fragte nach dem Inhalt der Box, die jetzt in meine Trinkflasche floss. „Das kannst Du nehmen, da ist alles wichtige drin“. Auf meine Frage, ob das ISO ist? ISO bei ner Wanderung? Natürlich. Was man sich so denkt, morgens kurz nach 4 in Ilmnitz. Tsss.

Schnell zog ich weiter, nicht ohne zuvor noch 2 Becher dieses isonierten Orangensaftes getrunken zu haben. Das konnte nicht gut gehen, dachte ich sofort nach dem ersten Schluck. Egal, du musste was trinken. Rein damit. Schnell noch einen Tweet abgesetzt und keine 5 Minuten später war ich wieder auf dem Trail. Meine längste Pause. 😉 Langsam dämmerte mir, was das für eine Zielzeit werden könnte. Das Terrain jetzt erst mal ansteigend und sehr trailig. Kaum Waldautobahn. Dennoch war eine Zeit um die 12 Stunden drin. Was war das denn? War das der Hammer. Das konnte doch nicht sein? Ich hatte mich verrechnet. Egal. Erst mal laufen. 7200 … Tippeln und es tippelte. Ich erreichte die berühmte Kuhwiese, die in diesem Jahr ohne Elektrozaun war, ohne Kuhfladen, ohne große Körper auf dem Weg.

Mein Trab wurde nur durch das lesen des Wegweisers unterbrochen. „Lobdeburg 7,5 km“. Ok. Jetzt wusste ich Bescheid. Von dort dann noch mal 5,5 Kilometer bis zum Fürstenbrunnen und dann noch 5000 Meterchen bis zum USV Sportgelände. Also jetzt noch 18. Wieder wildes rechnen. Nee, stimmt schon eher. Unter 12 Stunden konnte eh nicht sein. Ok passt wieder. Zwischen all die Gedanken, ich war bereits auf dem Weg nach oben hikend … platzte (endlich) der Regen. Nicht das ich mich danach gesehnt hätte. Aber wenigstens nicht 9 Stunden die blöde Regenjacke nutzlos rumgeschleppt. Also an das Dings. Es dämmerte langsam. Doch im Wald war es immer noch stock dunkel. Hinzu kam der Regen, der dir als Brillenträger immer besondere Freude bereitet. Und der Singletrail hielt auch die ein oder andere Schikane bereit. Holzauge musste sich äußerst wachsam durch die Nacht bewegen. Die Kilometer schmolzen, wenn auch langsamer. Der Regen wurde stärker. Auch unterm Blätterdach prasselte es heftig. Für die wasserdichten Socken war es jetzt eh zu spät. Die paar Kilometer halte ich aus.

Ab und an tauchte ein Wegweise auf. Mir war so, dass es von der Sommerlinde noch 1,5 km bis zur Lobteburg sind. 12-13 km vom VP. Also musste ich 5 km durch den Wald eiern. Immer wieder trank ich vom Orangensaft. Mein Magen fand das gar nicht gut. Binsenweissheit, Schleimhäute versorgte man bei Belastung nicht mit dieser Verdünnung. In der Not … Irgendwann erreichte ich den unbeschilderten Aufstieg zur Sommerlinde. Ja, hier musste es sein. Sicher bauen die grade oben auf und haben die Ausschilderung wegen des Regens noch nicht angebracht. Ich stiefelte tapfer die 30 hm hinauf. Doch bis auch ein Dixi war hier nichts zu sehen, Schade, Ich fror, wie ein Schneider an die Hände, während ich das Smartphone aus dem SLAB fingerte. Wilde Zeichen wurde versendet. Es war auf alle Fälle 5:16 Uhr, als ich mich auf die restlichen 12 km machte. Das war wieder diese alte Zeit. Egal, jetzt war erst mal der Magen zu beobachten, sonst kommt hier gar keiner irgendwann an … 😉

Höhenprofil Horizontale 2015

Höhenprofil Horizontale 2015

Ich trank nichts mehr. Benetzte nur noch die Zunge und die Lippen. Es drückte im Magen. Verdammte Axt. Da sah ich sie, die Lobteburg. Der letzte große „Anstieg“ zur mittleren Horizontale und dann Autobahn … leider nicht. Der Weg blieb schwierig zog sich ewig in die Länge. 5,5 km können so lang sein. Dann endlich erreichte ich den Beginn des Penickentals. Nun noch 2-3 km. Und es geht auf und ab und ich musste meinen Mageninhalt loswerden. Aber es ging nicht. Ich hustete und röchelte, wie ein junger Hirsch. Er wollte es nicht hergeben. „Dann sieh doch zu …“. so meine Gedanken.

Mein 7200 Mantra zog nun nicht mehr. Ersatzmantra Fehlanzeige. Ich schleppte mich die letzten 1,5 km mehr recht als schlecht durch den Wald. Hoch nur noch hiking. Jetzt war sie erreicht, die Ermüdung. Ich war im Eimer. „Aber nur noch bis zum Fürstenbrunnen. Dann gehts wieder los. Wasser fassen und dann wird pace gemacht. Verdirb es nicht.“ So redete ich mit mir, leise. Zunächst, so dachte ich. Doch es blieb leise. Der letzte Abstieg. Die Forstpiste wurde erreicht. Am Fürstenbrunnen entlehrte ich die Flasche. Füllte mit Quellwasser nach. Hmmm. Lecker. Erst mal einen halben Liter ex. Noch einmal auffüllen für den Weg. Der SLAB wurde unter der Bonatti losgeschnallt. Die Bauchfreiheit war spürbar. Es ging besser, je schneller ich lief. Ich war wieder da. Kilometer 95 war nach 11:15 Std. Laufzeit Geschichte. Jetzt musste ich nur noch das machen, was ich seit gestern 19 Uhr gemacht hatte. Kontinuierlich durchlaufen. Keine Schwäche. Und Zielbier und Cola und Schokocreme und Banane und Bier und Bratwurst. Ich vergaß vor lauter Vorstellung die Distanz. Plötzlich war ich in Wöllnitz. Nahm die alte Strecke, die nicht wirklich spart aber weniger Asphalt enthält. Ich konnte die doppelspurige „Straße“ hören. Am „Anstieg“, den ich 2012 nur diagonal hoch humpeln konnte, wurde Gas gegeben. Wie weit war es wirklich noch. 11:30 Uhr, mittlerweile von Höhenmeteranzeige auf Gesamtlaufzeit umgeschaltet, war ich auf der langen Zielgeraden. An der Tankstelle vorbei ein Autohaus oder umgekehrt. Dann endlich der große Parkplatz an der Sozialakademie. Jetzt noch einen Kilometer.. Jacke aus oder lieber an lassen? An lassen. o.k. Spart Zeit. 😉

Partystimmung

Partystimmung

Die letzten 35 km Wanderer gingen zu ihrem Start. So sollte es sein. Ich musste noch vorm dem Startgewusel im Ziel sein. Endlich, ich konnte das Einfahrtstor auf den Sportplatz ausmachen. Noch keine Wanderer in der Startaufstellung. Es würde passen. Eine extreme Zeit, nein. Ich hatte nicht wirklich daran gedacht, dass da eine elf vorn stehen könnten. Ich war auf der Laufbahn. Keine Zuschauer. Nein. Zu solch früher Stunde. Ich bog auf die Zielgerade ein. Ich war wohl der erste 100 km Streckler, der heute hier durch kam.

Ich war nach

11:47:31 Stunden

im Ziel angekommen.

Danke allen fleißigen Helfern und fairen und freundlichen Wanderern für diese gelungene Veranstaltung. Haltet durch, wir kommen IMMER wieder.

Hier wird jeder satt gefüttert.

Hier wird jeder satt gefüttert.

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Ergebnisliste gibts hier: 2015_HWJ_Ergebnisse_MW_100_km und mit Zwischenergebnissen hier: 2015_HWJ_Ergebnisse_Ges_100_km

Meinen aufgezeichneten Track gibt es hier: Aufgezeichnet mit Fenix-3-Version-3.20

Ein Kommentar:

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